Draußen sind die Verrückten

551928_original_R_K_B_by_Petra Bork_pixelio.de

Wenn Schulz darüber nachdachte, erschien es ihm eigentlich gar nicht so schlecht, jetzt in der Psychiatrie zu sein. Immerhin – er wurde hier gut versorgt. Die lästigen Dinge des Alltags wurden ihm abgenommen und für alles Unerfreuliche und Ärgerliche, war er hier unerreichbar.

Leise kicherte er in sich hinein. Etwas, das ihm andernorts verwunderte Blicke eingebracht hätte. Hier war es erlaubt und wurde akzeptiert.

Schulz richtete seinen Blick nach innen. Etwas, das bei ihm schon immer mit einer intensiven Drehung seiner Augäpfel nach oben verbunden war. So waren Iris und Pupille kaum noch sichtbar und das dominierende Weiß seiner Augäpfel ließ sein Gesicht unwirklich erscheinen. Dieser Anschein der Unwirklichkeit schien dann seinen gesamten Körper zu umgeben. So, als sei er plötzlich irgendwie gasgefüllt und kurz davor abzuheben und davonzuschweben. In solchen Momenten gelang Schulz etwas, was den Physikern gleichermaßen wie den Philosophen dieser Welt bisher verwehrt geblieben ist. Er tauchte in das Nichts ein. Etwas, das nicht zu beschreiben oder zu definieren war, das weder vermessen, noch berechnet werden konnte.

Schulz hätte es auch nicht zu beschreiben vermocht. Er war sich dessen nicht einmal bewusst, aber es gelang ihm scheinbar mühelos in dieses geheimnisvolle Nichts zu wechseln. Dort gab es kein Innen, kein Außen und nicht einmal Schulz selbst existierte dort noch. Das Nichts enthielt absolut nichts.

Schulz öffnete die Augen. Plötzlich war alles wieder da. Der kleine qualmgefüllte Raucherraum, das halbe Dutzend Patienten um ihn herum und auch er selbst. Alles wurde wieder wirklich und greifbar. Schulz liebte diese Momente, waren es doch die wenigen Augenblicke, in denen er seine eigene Existenz und seine Umgebung ganz deutlich wahrnehmen konnte. Wie neu, frisch und sauber, nicht von Gefühlen oder Gedanken verschmutzt und belastet. Diese kleinen Wiedergeburten, sozusagen die Neuerschaffungen der Wirklichkeit, reihten sich wie glänzende Perlen an einer edlen Schnur auf. Für Schulz war es seine Lebenskette, ein kostbares einzigartiges Kunstwerk.

Die Zigarette in seiner Hand war mittlerweile fast verqualmt und ein langer Aschewurm auf das Tischchen neben den Aschenbecher gefallen, was ihm ärgerliche Blicke der Anderen einbrachte, aber das war Schulz egal.

Was soll’s?“ dachte er, „Ich bin ein Idiot und deshalb darf ich das.“

Schulz warf einen Blick auf seine Armbanduhr. Die Gesprächsgruppe würde gleich beginnen. Hastig verließ er das kleine verqualmte Zimmer und machte sich auf den Weg zum Gruppenraum. „Nehme ich den Aufzug oder die Treppe?“ überlegte er, während er mit schnellen Schritten den langen Flur entlang lief. Er kam zu dem Schluss, dass in beiden Fällen das Ergebnis gleich sein würde. Unschlüssig stand er schließlich am Treppenaufgang und sein Blick wechselte von der Treppe zur Aufzugtür und wieder zurück zur Treppe.

In ihm stieg eine undeutliche, aber doch wahrnehmbare Erinnerung an das letzte Gruppengespräch auf. „Wie geht es dir heute?“ war er gefragt worden.

„Was für eine blöde Frage, wie soll ich das wissen? Da musst du meinen Arzt fragen.“ hatte er geantwortet und damit allgemeines Gelächter hervorgerufen. Gleichermaßen verwundert und erfreut, hatte Schulz in das Gelächter eingestimmt. Er war sich durchaus darüber im Klaren, dass ja auch die anderen Patienten ärztlich genehmigte Idioten waren und man also mit allem rechnen musste. Nach seinem ureigenen, tiefen Empfinden, war zusammen lachen ohnehin fast so schön, wie zusammen weinen.

Er setzte sich auf die Treppe, um gleich mal ein wenig zu weinen. Seine Erfahrung hatte ihn gelehrt, dass man durchaus auch allein lachen oder weinen konnte, man brauchte dazu weder einen Anlass, noch unbedingt Gesellschaft. Es tat trotzdem gut.

Urplötzlich hatte Schulz eine Idee. Er würde sich einfach ein Wannenbad gönnen. Dazu war weder die Entscheidung zwischen Treppe und Aufzug nötig, noch würde ihn jemand fragen, ob es ihm gut ginge. Der Rückweg durch die Station war problemlos. Keine Schwester, kein Pfleger, kein Therapeut und kein Arzt hatte ihn bemerkt. Wenn doch, dann wussten sie jedenfalls nicht, wo er in diesem Augenblick hätte sein sollen.

Wie jedesmal bei der Benutzung des großen Badezimmers auf der Station, blieb er stehen, um das Schild an der Tür sorgfältig zu studieren. Dort stand, man solle während eines Wannenbades den Wäschewagen vor die Tür stellen. Schulz empfand diese Anweisung als geheimnisvoll undurchschaubar. Letztlich endeten seine Überlegungen immer mit dem Entschluss, dass Badezimmer zu betreten, die Tür abzuschließen, den Wäschewagen vor die Tür zu schieben und sie auf diese Weise sorgfältig zu verbarrikadieren. Den Sinn dieser Anordnung, den Eingang zum Bad mit dem Wäschewagen zu versperren, würde er wohl nie ergründen, aber in der Psychiatrie herrschten andere Regeln, das hatte schon verstanden und irgendwie auch einsehen können.

Voller Vorfreude ließ Schulz das Badewasser ein. Im Badezimmer verteilt standen einige Flaschen Duschgel und Badezusätze, die Schulz einsammelte und großzügig mit seinem Badewasser mischte. Fasziniert beobachtete er, wie die verschiedenfarbigen Flüssigkeiten sich mit dem Wasser vermischten, das schließlich eine schmutzig violette Färbung annahm.

Wie Omas Morgenmantel!“ rief Schulz lachend und ließ sich fröhlich in die Wanne gleiten. Das Wasser war von einer dicken Schicht Badeschaum bedeckt und Schulz stellte sich immer vor, dieser Schaum sei eine wunderschöne nackte Frau, die sanft und zärtlich über seinen Körper glitt. Schulz beschloss, dies Erlebnis in seine Liste der schönsten Gefühle aufzunehmen, gleich hinter Weinen und Lachen.

Langsam ließ er sich tiefer in die Badewanne gleiten, bis sein Kopf ganz unter Wasser war. Er wartete ein wenig und ließ dann Luft in kleinen Stößen aus seinem Mund nach oben steigen. Es bildeten sich kleine Luftblasen, die rasch aufstiegen und an der Wasseroberfläche platzten.

Denken, nannte Schulz das. Genau so spielte sich das in seiner Vorstellung im Kopf ab. Kleine Blasen stiegen von irgendwo tief unten auf, dehnten sich aus und zerplatzten. Nach ein paar Minuten war er das Denkspiel leid geworden. Er richtete sich auf und sah auf die immer noch das Wasser bedeckende Schaumschicht.

Langsam hob er einen Fuß an, so dass der große Zeh sich ein Stückchen aus dem Schaumteppich hob und sang lächelnd ein Lied aus Kindertagen:

Siehst du den Mond dort stehen, er ist nur halb zu sehen und ist doch rund und schön. So sind gar manche Sachen, die wir getrost verlachen, weil uns’re Augen sie nicht seh’n.“

Mit einem Ruck hob er seinen Fuß aus dem Wasser und kreischte: „Aaahhh ein Monster!“ Der zweite Fuß folgte und er rief halb lachend und mit ein wenig Panik in der Stimme: „Oh oh, noch eines! Hinweg mit euch!“

Platschend ließ er beide Füße wieder ins Wasser fallen und hielt sich vor Lachen den Bauch. Er griff nach einer Shampooflasche und begann eine reichliche Portion davon in sein Haar zu massieren. Während er leise vor sich hin summte, versuchte er sich zu erinnern, was für den Rest des Tages noch anstand.

Der Müll!“ rief er und richtete sich ruckartig auf. Diesen verdammten Müll hätte er fast vergessen.

Seit er im Raucherraum das Schild mit der Aufschrift „Müll wegwerfen verboten!“ entdeckt hatte, hortete er die Abfälle in seinem Schrank. Dieser begann allerdings langsam überzuquellen. Er hatte ein paar andere Patienten darauf angesprochen, die hatten allerdings lachend behauptet, damit sei nur gemeint, keinen Müll in den Ascheneimer im Raucherraum zu werfen. Er glaubte ihnen das nicht. Schließlich, davon war Schulz überzeugt, war das Pflegeteam auf der Station ganz sicher in der Lage, Anweisungen klar und unmissverständlich zu formulieren. Vor ein paar Tagen hatte er sich deshalb dazu entschlossen, seinen Müll kurzerhand aufzuessen.

Rasch beendete Schulz seine Haarwäsche, stand auf und begann sich abzuduschen. Es machte einen Heidenspaß, mit der Handbrause von der Badewanne ab und zu mal in den Raum zu spritzen. Das Fenster konnte er mit dem Strahl mühelos erreichen und selbst die Tür ließ sich, im Falle eines Brandes, damit problemlos löschen.

Dann stieg Schulz aus der Wanne und während er sich mit dem großen Badehandtuch abrubbelte, nahm sein Plan für den Nachmittag Gestalt an.

Als Erstes würde er einen kurzen Abstecher zum Supermarkt gegenüber der Klinik machen, um reichlich Senf und Ketchup einzukaufen. Vielleicht noch ein Baguette, als Beilage. Dann würde er seinen Müll im Backofen des Aufenthalts- und Speiseraumes ordentlich schmoren lassen. Danach wollte er in seinem Zimmer alles ganz in Ruhe verzehren.

Voller Tatendrang verließ er das Badezimmer und lief fröhlich pfeifend zu seinem Zimmer. Während er aus seinem Schrank den Geldbeutel und eine Einkaufstüte hervorkramte, breitete sich in ihm ein Gefühl tiefer Zufriedenheit aus. Er würde heute sein Müllproblem beseitigen und falls er sich beeilte, könnte er sicher danach noch mit Hannelore und Jens im Aufenthaltsraum Mensch ärger dich nicht spielen.

Er setzte sich auf seine Bettkante, um ein wenig zu weinen. Diesmal allerdings vor Glück. „Ein schöner Tag.“ dachte er, „Hier sollte ich eine Weile bleiben.

Foto: Petra Bork / pixelio.de

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Ups!

ups

 

Sonnenschirme, Wind, UPS und andere Widrigkeiten…

Wir wohnen in einer ziemlich windigen Gegend. Nein, kein sozialer Brennpunkt oder Ähnliches! Bei uns hinterm Deich weht einfach häufig mal ein kräftiger Wind. Kein Problem für Frau, Hund und mich, für einen Sonnenschirm schon eher.

Den ersten Sonnenschirm, den wir aus einer weniger „frischen“ Gegend mitgebracht hatten, durften wir schon bald verabschieden, aber das hat uns nicht weiter irritiert. Er war halt etwas schwächlich. Der zweite seiner Gattung, war dann folgerichtig größer und stabiler, sehr viel stabiler. So stabil, dass er bei kräftigem Wind auch schon mal die Bodenplatten der Terrasse, an denen ich seinen Fuß festgedübelt hatte, anheben konnte. Immerhin, er hat eine Menge ausgehalten. Leider hatte er eine Schwachstelle, die der Wind irgendwann gefunden hat. Das Kunststoffgelenk, an dem die große Ampel aufgehängt war, entschloss sich eines Tages, dem Drängen des Windes nachzugeben. Ende der Vorstellung!

Dies Kunststoffgelenk hatte sich ohnehin von Anfang an als feindlich gesinnt erwiesen. Wann immer wir den Sonnenschirm so ausgerichtet hatten, dass ausreichend Schatten auf die Garten- und Liegestühle fiel, gab es dem nächsten Windstoß durch freudiges Verwinden nach, um sich ein wenig zu drehen und uns den Schatten zu entziehen. Nun war es durch diese Verwinderei zerbrochen – das hatte es redlich verdient.

Der verständnisvolle Lieferant tauschte den Schirm alsbald gegen ein neues Exemplar aus und unseren Ruhestunden auf der sonnigen Terrasse stand nichts mehr im Weg.

Nichts mehr? Nun ja, das stimmt nicht ganz. Der festgedübelte Fuß begann alsbald wieder munter, die Steine anzuheben. Das konnte nicht so bleiben. Also musste Abhilfe her. Etwas Beton, längere Dübel und vier schwere Betonplatten, um den Fuß von oben zu beschweren, zeigten sich als geeignete Lösung.

Leider trat jetzt ein weiterer Schwachpunkt der Schirmkonstruktion in Erscheinung. Der Metallpfahl, an dem die Schirmampel aufgehängt wird, weitet sich am unteren Ende zu einer Platte aus, die mit vier Schrauben an dem Fuß befestigt wird. Diese Platte mochte nun die ganze Kraft des Windes nicht mehr aushalten. Sie begann sich zu verformen, so dass der Sonnenschirm immer mehr in eine seltsame Schräglage geriet.

Kein wirkliches Problem, denn die Schlosserei im Ort fertigte uns einen dicken Verstärkungsring aus kräftigem Stahl, der diesem Hang des Schirmes sich dem geraden, aufrechten Stand zu verweigern, ein Ende setzte. Unsere Probleme mit dem Sonnenschirm schienen nun endgültig beseitigt zu sein.

Schienen – dies Wort lässt Sie sicher schon ahnen, dass unsere Probleme nur scheinbar gelöst waren.

Irgendwann, recht bald, meldete sich das bereits erwähnte Kunststoffgelenk wieder zu Wort. Also eigentlich war es gar kein Wort, mit dem sich das Gelenk äußerte, es war mehr so eine Art Geräusch. Das klang ungefähr wie Kkkrrrrch…
Der freundliche Lieferant erklärte sich bereit, auch diesen Schirm umzutauschen und schickte uns zügig einen neuen, dritten Schirm. Unser Glück schien fast vollkommen, aber nun trat UPS in unser Leben. UPS, nicht zu verwechseln mit dem Ausruf „Ups!“ ist der bevorzugte Paketdienst unseres Lieferanten, unsere Lieblingsdienstleister in diesem Bereich ist er sicher nicht.

Eine Zeit lang war es ganz schön schwierig, in den Besitz der für uns gedachten Pakete zu gelangen. Warum? Nun um das nachvollziehen zu können, muss man wissen, dass unser Haus so ca. 80 m von der Einfahrt entfernt, im Inneren des Grundstücks liegt. Den Garten hinter unserem Haus haben wir eingezäunt, um unserem Hund die Jagd auf Rehe, Hasen oder Nachbarskatzen zu erschweren, aber von vorn ist das Grundstück ungehindert zu betreten oder zu befahren. So dachten wir jedenfalls.

Der UPS Auslieferungsfahrer sah das ganz anders. Ihn störte der Aufkleber an unserem Briefkasten neben der Grundstückseinfahrt und hinderte ihn, unser Grundstück zu betreten. Dieser Aufkleber zeigte einfach nur das freundliche Gesicht unseres Hundes, aber das löste bei dem – ansonsten sehr netten und umgänglichen Fahrer – geradezu Panikanfälle aus.

Stellen Sie sich vor, sie sitzen bei Sonnenschein auf der Terrasse hinter ihrem Haus, aus dem Tablet ertönt leise Musik, sie dösen so vor sich hin und genießen die Schönheit der Gegend und des Lebens schlechthin. Wenn dann ungefähr 100 Meter entfernt ein UPS Lieferwagen auf der Straße anhält und der Fahrer aus dem Fenster in Richtung Haus ruft: Hallo, ein Paket für Sie!“, liegt ihre Chance, diese leisen, ängstlichen Rufe zu hören, ungefähr bei Null. Deshalb bekommen sie ihr Paket dann eben nicht, sondern nur ein Kärtchen, vom Auslieferungsfahrer durch das geöffnete Seitenfenster seines Fahrzeugs hastig in den Briefkasten geschoben. Auf diesem Kärtchen steht, wo und wann Sie ihr Paket abholen können. Immerhin!

Nach mehreren solcher Zustellungsversuche (so nennt sich dies Verhalten auf den Benachrichtigungskärtchen), habe ich den Fahrer dann mal erwischt. Er war gerade ein Stückchen in unsere Einfahrt hineingefahren, um sein Fahrzeug zu wenden, als ich ihn entdeckte und hastig zu ihm hinlief.

„Wollen Sie unser Paket nicht vielleicht doch hierlassen?“ fragte ich ihn freundlich lächelnd.
„Ich habe gerufen, das tue ich immer!“ war seine trotzige Antwort.
„Und Sie glauben,“ fragte ich den Fahrer, ausgesucht freundlich säuselnd, „das kann man 100 Meter weiter, hinter dem Haus hören?“
Der kräftig gebaute, braungebrannte junge Mann sackte ein wenig zusammen und murmelte dann kleinlaut: „Ich kann doch nichts dafür, wenn Sie so einen Monsterhund haben.“
„Der ist noch ganz jung, verspielt und freundlich!“ entgegnete ich etwas säuerlich.
„Das sagen sie alle!“ protestierte mein tapferer Fahrer, „und dann, zack, ist die halbe Wade weg.“

Das brachte mich zum Lachen und schon halbwegs versöhnt mit diesem tapferen Recken, der seine Angst nun offen zugab, deutete ich auf die Durchgänge links und rechts neben dem Haus.
„Wie Sie sehen, ist doch alles eingezäunt, es besteht also gar keine Gefahr für Leib und Leben.“
Der Fahrer hob zweifelnd die Hand: „Weiß ich, wie hoch der springen kann? Auch wenn er noch jung ist, so ist er doch jetzt schon fast so groß wie ein Kalb.“

Nach diesem erheiternden Austausch bekam ich unser Paket und der jugendlich forsch fahrende Bote zog seines Weges. Danach übernahm übrigens ein anderer Fahrer diese Auslieferungstour. Der war weitaus cleverer! Er hinterlegte das Benachrichtigungs-kärtchen gleich beim Nachbarn, 50 Meter vor unserer Grundstückseinfahrt, so dass wir ihn nie zu Gesicht bekamen.
Aber das alles nur nebenbei! Den dritten Sonnenschirm lieferte ein gesetzterer, offenbar altgedienter, erfahrener UPS’ler, über den nichts Nachteiliges zu vermerken ist.

Das eigentliche Problem will ich, nach dieser langen Vorgeschichte, nun endlich auch noch erwähnen.

Der Lieferant unseres Sonnenschirmes wollte selbstverständlich den kaputten Schirm zurück, um den Schaden seinerseits beim Hersteller geltend zu machen. Beim ersten Umtausch war das kein Problem, da hatte ich die Verpackung des ersten Schirmes noch. Gleich nach dem Abbau hatte ich den Schirm und all seine Bestandteile wieder in der Verpackung verstaut und so konnte ich dem UPS Fahrer diesen – gleich bei der Lieferung des Ersatzschirmes – wieder mitgeben.

Diesmal hatte ich jedoch die Verpackung einige Monate nach der Lieferung entsorgt (wer hebt schon gern einen 2,40 langen Karton für immer und ewig in seinem Keller auf?).

Der clevere Lieferant hatte eine Lösung. Er schlug vor, dass ich den kaputten Schirm doch einfach in den Karton des neuen Schirmes packen solle und zum Behuf der Rücksendung hatte er gleich einen Rücksendeaufkleber per Mail geschickt. Das schien – auf den ersten Blick – der perfekte Weg, um diesen Umtausch abzuwickeln. Das Einzige, was nun noch zu tun blieb, war mit UPS eine Abholung zu vereinbaren.

Montagvormittag, gegen 10 Uhr, setzte ich mich also an meinen Computer, um online bei UPS die Abholung des Paketes zu beantragen. Zunächst einmal beantwortete ich die Frage, ob ich einen Versandaufkleber mein Eigen nenne, freudestrahlend mit einem Klick auf „Ja“.

Daraufhin öffnete sich ein Fenster (kann ein Fenster unsäglich sein?), in das ich die Kontrollnummern eintragen sollte. Ich begann mit der ersten, im Großdruck hervorstechenden Nummer. Daraufhin erschien die Meldung, ich solle diese Nummer korrigieren. Ich trug also die nächste, auf dem Etikett lesbare Nummer ein, was mir vom Programm damit quittiert wurde, dass sich ein weiteres Fensterchen mit einer Zeile für noch eine Nummer öffnete. Was auch immer ich versuchte, egal, welche Nummern ich in welcher Reihenfolge versuchte einzutragen, es blieb der Hinweis, ich solle die Kontrollnummern korrigieren. Entnervt klickte ich schließlich auf das Feld „Weiter“, woraufhin mir angekündigt wurde, das Paket würde am selbigen Montag um 8:00 Uhr abgeholt. Nach einem raschen Blick auf meine Uhr – sie zeigte mittlerweile 10:30 Uhr – verwarf ich dies Ansinnen, schloss die UPS Seite und öffnete sie dann noch einmal neu, um von vorn zu beginnen.

Der Kampf mit Fenstern, Kontrollnummern und Korrekturhinweisen zog sich erneut eine halbe Stunde lang hin, bis ich schließlich die Meldung erhielt, am Dienstag, dem folgenden Tag, ab 8:00 Uhr sei mit der Abholung zu rechnen.

Sie ahnen es schon, heute, am Mittwochnachmittag, steht der Schirm immer noch hier. Kein UPS Fahrer hat sich blicken lassen, kein verschämtes Kärtchen lag in unserem Briefkasten und die von UPS angekündigte SMS mit der genauen Abholzeit ist auch nicht eingetroffen.

Was blieb mir also anderes, als mein Glück telefonisch zu versuchen? Bei einem Gespräch von Mensch zu Mensch lassen sich Dinge ja mitunter viel leichter regeln, als in dem diffizilen Beziehungsgeflecht zwischen Mensch und Onlineformular.

Für meinen ersten Versuch hatte ich die, von UPS per SMS Kontakt am Vortag vorgeschlagene 0800..ter Telefonnummer auserkoren. Die ist immerhin kostenlos und war deshalb natürlich meine erste Wahl. Zu meiner Enttäuschung war jedoch eine Ansage zu hören, in der mir mitgeteilt wurde, dass diese Nummer für den technischen Support nicht mehr aktiv sei, was mich etwas erstaunte. Sie mir doch am Tag zuvor von selbigen Unternehmen empfohlen worden.

Stattdessen sollte ich nun eine Nummer mit der Vorwahl 06966… anrufen. Schnell legte ich den Hörer beiseite, um einen Zettel und einen Stift hervorzukramen. Utensilien, die man im Zeitalter der elektronischen Kommunikation ja nicht mehr immer und sofort bei der Hand hat. Als ich den Hörer wieder aufhob, hörte ich gerade noch, wie eine andere, seltsam gepresst klingende Stimme sich auf Englisch verabschiedete. Beim zweiten Versuch konnte ich dann die Nummer notieren und rief gleich freudig erregt an.

Eine Computerstimme meldete sich und befahl mir, wenn ich Fragen zur Installation der UPS App habe, die „Eins“ zu drücken und bei Fragen zu UPS allgemein oder zu einer Abholung, etc. die „Zwei“. Ich drückte also die Zwei und wurde nun aufgefordert, mein Anliegen zu benennen. ‚Kluge Maschine‘ dachte ich so bei mir und sagte dann laut und deutlich „Abholung“!

Nach einer Pause empfahl mir die Computerstimme, in dieser Sache die kostenpflichtige Nummer 01806… anzurufen.

Meine Gedanken bekamen langsam eine rötliche Färbung. Glücklicherweise hatten Zettel und Stift ja bereitgelegen und die Nummer war nun für den nächsten Versuch vor meinen Augen. Nach dem Wählen erklärte mir eine andere Computer- oder Bandstimme zunächst, dass dieser gesamte Anruf, auch wenn es zwischendurch zu Wartezeiten käme, nur 20 Cent kosten würde. Ich stellte mich innerlich schon auf eine längere Wartezeit ein, hörte dann aber zum Abschluss der Ansage mit Beruhigung, dass die Wartezeit nicht länger als maximal 3 Minuten dauern könne.

Dann kam der Computer zur Sache: „Welches Anliegen haben Sie?“ fragte er und zählte danach die vorgegebenen Möglichkeiten auf. Das kannte ich nun schon sagte an der passenden Stelle laut und kräftig: „Abholauftrag!“.

Der Computer schwieg. Nach einer gefühlten Ewigkeit sagte die Computerstimme – ich könnte schwören, mit einem spöttischen Unterton – „Bitte geben Sie ihre Telefonnummer an und beginnen sie mit der kompletten Vorwahl.“ Da ich mich sehr selten selbst anrufe, konnte ich meine Festnetznummer nicht hersagen und mir entfuhr ein leises, unterdrücktes „Scheisse“.

„Ich konnte sie nicht verstehen, bitte wiederholen sie laut und deutlich ihre Telefonnummer und beginnen Sie mit der Vorwahl.“

Meine Gedanken verfärbten sich in Richtung dunkelrot und ich griff nach meinem Handy, um die gespeicherte Festnetznummer im Telefonbuch nachzuschauen.

Plötzlich begann der Rauchmelder in unserem Arbeitszimmer ohrenbetäubend zu schrillen. Das Telefon fiel mir aus der Hand, während ich erschrocken und entsetzt aufsprang und verzweifelte Blicke zur Wand warf, von wo kurz unter der Zimmerdecke der terroristische Angriff auf mein Gehör stattfand. Nachdem ich auf meinen Stuhl geklettert war, den Rauchmelder abgenommen und mit einer neuen Batterie versehen hatte, nahm ich den Telefonhörer wieder zur Hand.

Der Computer hatte zwischenzeitlich die Verbindung beendet. Computer sind eben auch nur begrenzt geduldig.

Wissen Sie was? Ich habe mich mittlerweile ein wenig beruhigt und bin jetzt bereit, einen prima Sonnenschirm, dunkelgrün, 3,80 Meter Durchmesser mit einem kleinen Defekt an der Ampelbefestigung zu verschenken. Sie brauchen ihn nur hier abzuholen.

Wie es wirklich war

144988_original_r_by_soren-meng_pixelio-deBertl saß an seinem Schreibtisch und versuchte seine Gedanken zu ordnen, indem er auf eine Unzahl gelblicher Kanzleibögen Notizen niederschrieb. Aus der Erfahrung wusste er, dass es manchmal schon reicht, einen Gedanken, eine Frage oder ein Problem niederzuschreiben um es später noch einmal in Ruhe anzusehen. Wichtige Gedankengänge schrieb er ab und zu auch in ein schwarzes Notizbuch, das er immer mit sich trug. So konnten kein Einfall, keine Lösung und keine wichtige Frage verloren gehen. Wann immer ihn etwas gedanklich besonders beschäftigte, zückte er das Notizbüchlein und einen Stift, um es in kurzen Stichworten zu notieren.

Bertl hatte an diesem Abend Mühe, sich zu konzentrieren. Kind, Frau und Haushaltssorgen hatten seine Aufmerksamkeit gefordert. Als technischer Experte 3. Klasse beim Patentamt, war man finanziell nicht gerade auf Rosen gebetet und so gab es auch in seinem Hause immer wieder Auseinandersetzungen über Fehlendes, Notwendiges und Wünschenswertes.

‚Das gehört wohl einfach dazu!‘, dachte er seufzend. Dabei wollte Bertl doch vor allem nur eines, ganz in Ruhe und in einer harmonischen Umgebung über alles, jedes und darüber hinaus nachdenken.

Bertl ertappte sich dabei, wie er auf einem dieser vergilbten Kanzleibögen, auf denen er begonnen hatte, Notizen über das Wesen der Energie niederzuschreiben, kleine Strichmännchen zeichnete. Zornig packte er den ganzen Stapel Notitzblätter und schleuderte sie ärgerlich durch das Zimmer. „Wie soll man in diesem Haus auch nur einen klaren Gedanken oder gar eine bahnbrechende Idee hervorbringen?“ rief er ärgerlich.

„Bertl!“ tönte die Stimme seiner Frau aus dem Nebenzimmmer, „Bertl, hast du etwas gesagt? Was machst du überhaupt wieder? Kaum kommst du aus dem Amt heim, sitzt du am Schreibtisch und brütest über deinen seltsamen Theorien und Berechnungen. Dabei vergisst du offenbar, dass du eine Familie und gesellschaftliche Verpflichtungen hast!“

„Nichts vergesse ich.“ brummte Bertl, „Wie könnte ich das auch? Du bist ja eine Art lebendes Memorandum zu diesem Thema.“

Seine Frau kicherte: „Du vergisst also nichts? Dann sag mir doch mal, was du gedenkst, Martha Chobrowski zu ihrem Geburtstag mitzubringen?“

„Welche Martha und wieso sollte ich ihr etwas zum Geburtstag schenken?“ war Bertls unwirsche Antwort.

„Siehst du,“ kam die klagende Stimme seine Frau aus dem Nebenzimmer, „du hast es vergessen! Martha Chobrowski ist meine alte Schulfreundin, die seit einem Jahr in unserer Nachbarschaft wohnt und die uns zu ihrem Geburtstag eingeladen hat. Wir haben darüber gesprochen Bertl und du wolltest über ein passendes Geschenk nachdenken.“

„Ich erwarte, dass mein treusorgendes Eheweib sich um solche Alltäglichkeiten gefälligst selbst kümmert!“ war Bertls ärgerliche Antwort. „Ich habe andere, wichtige Dinge zu denken!“

„Dann schreib dir wenigstens solche Termine auf!“ rief seine Frau nun ebenfalls ärgerlich. „Die Geburtstagsfeier ist schon in zwei Tagen und wie ich dich kenne, hast du nicht einmal im Amt darum nachgesucht, an diesem Tag mal eine Stunde früher gehen zu können.“

Mit einem tiefen Seufzer fügte Bertl sich ein weiteres Mal in sein Schicksal und griff zu seinem Stift. Suchend glitt sein Blick über den Schreibtisch. Kein Notizpapier! Alle gelblichen Kanzleibögen lagen weit verstreut auf dem Boden seine Arbeitszimmers. Er griff in seine Jackentasche und förderte sein Notizbuch zutage. ‚Was für eine Zeitverschwendung.‘ dachte er, während er eine kurze Erinnerung, mit einem „E“ gekennzeichnet in sein Büchlein eintrug.

Er mochte Abkürzungen und hatte im Laufe der Zeit ein ganz eigenes System entwickelt, komplexe Sachverhalte und Probleme mit ein paar Abkürzungen aufzuzeichnen. Das sparte Zeit und hatte außerdem den großen Vorteil, dass seine Frau – neugierig wie wohl all ihre Geschlechtsgenossinnen – nicht in der Lage sein würde, ihn mit unzähligen Fragen über seine Theorien und Gedanken zu behelligen. Sie konnte seine Notizen zwar lesen, aber der Inhalt würde ihr verschlossen bleiben. Sie würde ihn ohnehin nicht verstehen, davon war Bertl überzeugt.

Zwei Wochen später, war Bertl gerade auf dem Heimweg aus dem Amt und saß ein wenig trübsinnig auf einem Fensterplatz in der Trambahn. Er beobachtete die Menschen auf dem Gehweg und sinnierte darüber, warum die meisten von ihnen es wohl permanent eilig zu haben schienen. ‚Zumindest,‘ dachte er, ‚sieht es so aus, als würden fast alle Fußgänger permanent in Hast und Eile sein. Ich könnte leicht berechnen, welche Geschwindigkeit die einzelnen Passanten haben, wenn ich die Wegstrecke berücksichtige, die sie zurücklegen. Dabei würde es gar keine Rolle spielen, dass ich als Beobachter mich in der Tram ja selbst mit hoher Geschwindigkeit bewege. Die Bezugspunkte wären ja feste Punkte, wie Häuser, Laternen oder Kreuzungen.‘

Das schien Bertl ein interessanter Gedanke zu sein. Er zückte sein Notizbuch, um sich die Frage zu notieren, welchen Einfluss die eigene Bewegung auf die Wahrnehmung der Geschwindigkeit anderer, bewegter Objekte haben könnte. Er blätterte durch sein Büchlein um eine freie Seite zu finden. Beim letzten beschriebenen Blatt stutze Bertl.

E = MC 2  !!!  stand da.

‚Sehr seltsam,‘ dachte Bertl.‘Was für eine ungewöhnliche Formel!‘ Er versuchte sich zu erinnern, bei welcher Gelegenheit er diese Zeile in sein Notizbuch geschrieben haben mochte. ‚E bedeutet im Allgemeinen „Erinnerung“ oder war in diesem Fall Energie gemeint?‘ Er grübelte weiter. ‚MC, wer oder was mochte das sein? Und dann eine 2, was hatte das zu bedeuten? 2 Tage, 2 Wochen oder gar eine mathematische Potenz?‘ Je länger Bertl über diese Notiz nachdachte, um so aufgeregter wurde er. Kaum in der heimischen Wohnung angekommen, stürzte er geradezu an seinen Schreibtisch und begann einen großen Kanzleibogen nach dem anderen mit Notizen, Formeln und Berechnungen zu füllen.

„Was machst du Bertl?“ tönte es aus der Küche. „Du hast uns nicht einmal begrüßt!“

„Stör mich bitte jetzt nicht!“ rief Bertl zurück. „Ich glaube, ich habe kürzlich eine ungewöhnliche Entdeckung gemacht!“

So war es also wirklich und irgendwie doch gar nicht so verwunderlich. Manchmal mischt sich das Schicksal in unser Leben ein und vielleicht sogar in Gestalt einer Ehefrau, die es für wichtig erachtet, dass ihr grübelnder Mann sich eine Erinnerung notiert, um den Geburtstag von Martha Chobrowski in 2 Tagen nicht zu vergessen. Wir wussten es doch eigentlich schon immer: Hinter jedem großen Mann steht eine großartige Frau.

Foto: Sören Meng / pixelio.de

Herr A. und die Gemütlichkeit

Schoppie + MomoEin ganz normaler, durchschnittlicher Mann ist Herr A. Das ist ein Satz, dem Herr A. allerdings gleich widersprechen würde. „Was ist normal und wer legt es fest?“ wäre sicher seine Frage. Herr A. ist ein glücklicher Mann. Er weiß das und in stillen Momenten empfindet er eine tiefe Dankbarkeit für dieses Glück. Er braucht nicht viel, um glücklich zu sein und alles, was dazu nötig ist, hat das Leben ihm beschert.

 

Eine bezaubernde Frau, ein gemütliches Heim, Kinder, Enkel, Hund und Katze, ja sogar einen Baum hat Herr A. schon einmal gepflanzt. Was will man mehr? Es gibt nur eine Kleinigkeit, die Herrn A. zu schaffen macht. Wie das bei älteren Menschen schon einmal sein kann, stört es ihn zu frieren. Er hat es gern gemütlich warm und im Sommer ist das auch kein Problem. Nur wenn der Herbst einzieht und der Winter naht, befällt ihn mitunter eine gewisse Melancholie.
Nicht, dass ihm diese Jahreszeiten etwa missfallen würden, keineswegs. Mit der richtigen Kleidung sind Herbstspaziergänge mit Frau und Hund oder kleine Wanderungen durch verschneite Landschaften nicht zu verachten. Aber im Haus, da möchte Herr A. nicht frieren.

Muss er doch auch nicht, werden Sie vielleicht sagen und eigentlich haben Sie recht. Wie das Leben allerdings mitunter so spielt, es  gibt kleine, feine Unterschiede zwischen Theorie und Praxis, die nicht zu erklären und nicht zu ändern, sondern einfach nur hinzunehmen sind.

Zunächst, während sommerliche Temperaturen Körper und Gemüt erfreuten, waren Herr A. und sein bezauberndes Eheweib einig darin, dass Fenster und Türen weit geöffnet sein sollten. Mit abnehmenden Temperaturen stellte sich allerdings heraus, dass der Moment – Herr A. nennt ihn Fröstelpunkt – zu dem man beginnt die Umgebungstemperatur als kühl zu empfinden, bei A. viel eher als bei seiner Frau einsetzte. Nun hat Herr A. eine sehr kluge Frau, die sofort eine Lösung parat hatte. Sie schenkte ihm zwei schöne, warme Strickjacken. Fortan saßen beide gemütlich am Küchentisch, Frau A. im T-Shirt und Herr A. mit einer Strickjacke versehen. Die Welt des A. schien wieder in Ordnung zu sein.

Dann kamen die Tage, an denen Frau A. nun auch eine Strickjacke bevorzugte, während Herr A. ernsthaft in Erwägung zog, die Mahlzeiten in der Küche im Mantel einzunehmen. Für seine Arbeit plante er, neben dem Schreibtisch einen kleinen Bunsenbrenner zu installieren, um die eingefrorenen Finger immer wieder aufwärmen zu können. Als die Kälte winterliche Temperaturen erreicht hatte, ließ sich Frau A. erweichen. Die Fenster und Terrassentüren wurden geschlossen und nur für regelmäßiges Lüften geöffnet. Herrn A.‘s Erleichterung währte leider nicht sehr lange. Das Spiel mit der Heizung begann.

A. regelte die Thermostate der einzelnen Heizkörper hoch, die dann jedoch unter lauten Missfallensäußerungen von seiner Frau bald wieder geschlossen wurden. So oft A. sich auch bemühte, still und heimlich die Temperatur zu erhöhen, die wachsame Frau A. kam ihm rasch auf die Schliche und stellte den von ihr gewünschten Zustand wieder her. A. musste zugeben, dass ihre Hinweise auf Heizkosten, Umwelt und die wärmende Wirkung regelmäßiger Bewegung durchaus sinnvoll waren. Das änderte allerdings nichts an der beklagenswerten Tatsache, dass Herr A. Herbst, Winter und Frühjahr überwiegend frierend verbrachte.

Dann kam es, wie es kommen musste. Oder besser gesagt, wie er kommen musste. Der Sommer. Das Schicksal hatte ein Einsehen und Herr A. war nun wieder rundum glücklich. Allerdings plagte ihn manchmal die Sorge darüber, dass jeder Sommer, sei er auch noch so warm, unweigerlich ein Ende hat. Bald – für A. viel zu rasch – war es dann auch soweit. Die Tage wurden kürzer und die blaue Säule im Thermometer neben der Terrassentür schaffte es  nur mit Mühe und immer seltener über die 20 zu klettern. Bei A. stellte sich vorauseilend schon die Melancholie der kälteren Tage ein. Doch dann, ganz plötzlich und vollkommen unerwartet, geschah etwas Sonderbares. Herr A. saß gerade auf seinem Lieblingsplatz am Küchentisch. Es war ein schöner Spätsommertag und A. immer noch mit einem Sommershirt und leichten Hosen bekleidet. Da betrat seine holde Angetraute die Küche, im Pullover und in eine Strickjacke gehüllt. So ganz allmählich und fast unbemerkt hatten sich die Fröstelpunkte der A.‘s einander angenähert. A. vermochte sein Glück kaum zu fassen. Mit offenen Augen träumte er von gemütlichen Herbsttagen in der heimelig beheizten Wohnung. Seit an Seite mit seinem bezaubernden Eheweib, während der kalte Wind ums Haus pfiff, bunte Blätter tanzen ließ und später dann Schneeflocken ihr zauberhaftes Ballett vor den Fenstern ihres Hauses aufführen würden.

Herr A. hatte jedoch die Rechnung ohne den Hund gemacht. Aus dem anfänglich kleinen, kuscheligen Welpen war derweil ein stattlich großer Hund geworden, der es liebte im Garten zu tollen, die Grenzen des Grundstücks zu bewachen und draußen seine kleinen und großen Geschäfte zu tätigen. So kam es wie Herr A. in seinen schlimmen Vorahnungen voraus gesehen hatte.
Vorbei war die gemütliche Zeit mit frischem heißen Kaffee am Küchentisch. Oft schon nach dem ersten Schluck ertönte die Stimme der bezaubernden Frau A. aus dem Nebenzimmer: „Hast du den Hund schon rausgelassen?“ Meist gleichzeitig stupste eine große nasse Nase Herrn A. in die Seite. Seufzend blieb ihm nur, sich zu erheben, die Tür zum Garten zu öffnen und dem dankbar wedelnden Hund den Gang ins Freie zu ermöglichen. „Lass die Tür auf, damit der Hund wieder rein kann, wenn er sein Geschäft erledigt hat.“ war aus dem Nebenzimmer zu hören, während A. sich wieder an den Küchentisch setzte, eine Strickjacke um seine Schultern legte und mit traurigem Blick auf den Hund sah, der sich auf dem Weg vor dem Küchenfenster gemütlich hingelegt hatte.

A. hätte schwören können, dass der Hund dabei grinste.

Während Herr A. melancholisch seinen Kopf auf den Küchentisch stütze, dachte er daran, wie unfair das Leben doch sein kann. Er beneidete den Hund, der geschützt durch sein dichtes Fell den Aufenthalt im Freien zu genießen schien. Und er beneidete seine zauberhafte Ehefrau, die im Nebenzimmer, auf einem gemütlichen Sessel, eingehüllt in eine warme Decke, den wohlig schnurrenden Kater auf ihrem Schoss streichelte.

Während aus dem Nebenzimmer die liebevolle Stimme seiner Angetrauten rief: „Kannst du die Küchentür zu machen, solange die Terrassentür offen ist? Es zieht so ungemütlich durch alle Räume!“ rann leise eine Träne aus Herrn A.‘s linkem Auge, lief an seiner Wange hinunter und tropfte schließlich auf den Küchentisch.

Beziehungstief

Sonnenschirm

Ich war dir treu, all die Jahre.
Manchmal fiel mein Blick auf
einen Jüngeren, schöner, größer
oder einfach flotter –
ich war dir trotzdem treu!
Du aber, du hast dich verändert,
bist launisch geworden,
drehst dich mit jedem Wind.

Oftmals, wenn ich gerade denke,
dass nun wieder alles harmonisch
und geordnet ist, wendest du
dich von mir ab.
Dann werde ich nachdenklich.
Vielleicht, ja vielleicht ist eine
Trennung das Beste?

Wir hatten schöne Jahre,
aber nun solltest du vielleicht
doch gehen – fort von mir.
Damals warst du meine erste Wahl,
aber nun habe ich Zweifel.
Es gibt sicher bessere…
Sonnenschirme!
Sogar in deiner Farbe!

Der Morgenkaffee

Lustspiel in einem Akt, aufzuführen jeweils morgens zwischen 6:30 und 7:30 Uhr. Die Mitwirkenden sind: Chopin in der Rolle als Hund, Momo als Kater, ein Kaffeeautomat, ein Toaster, zwei Scheiben Vollkorntoast, ein Pantoffel (rechts), der Garten in der Rolle als kalter, nasser Garten, eine Schaufel und zwei große Würste Hundekot. Ein Riegel Zartbitterschokolade mit Cranberries. Außerdem wirke ich mit in der Rolle als ich.

Schoppie + Momo

Ich:
Liege schlafend im Bett.
Hund:
Stupst mich mit der nassen Schnauze an.
Kater:
Beginnt laut zu miauen.
Ich:
Schwinge mich rasch aus dem Bett.
Rücken:
Knarr, ächz!
Hund:
Muss dringend raus, zwickt in meine Wade.
Ich:
Suche meine Pantoffeln, der rechte ist verschwunden.
Hund:
Wuff!
Kater:
Miiiiaaaauuuuuu!
Ich:
Humpel mit nur einem Pantoffel zur Tür und lasse Hund raus.
Kater:
Blickt verzweifelt auf seinen Fressnapf. Miiiaaaauuuuu!
Ich:
Ziehe rasch Hose und Strickjacke an, gehe zur Toilette.
Garten:
Sehr nass und sehr kalt!
Hund:
Wuff, wuff! (Will wieder rein!)
Ich:
Lasse Hund rein, schalte Kaffeemaschine ein, stecke Brot in den Toaster.
Kater:
Miiiiaaauuuu, miiiaaauuuu! (Ich verhungere!)
Hund:
Stupst mich fortwährend an = verhungert ebenfalls.
Kaffeemaschine:
Brummt!
Toaster:
Duftet!
Ich:
Habe einen kalten rechten Fuß und niese.
Rechter Pantoffel:
Bleibt verschwunden!
Ich:
Gebe Katzenfutter in den Fressnapf.
Kater:
Springt verzweifelt an meinem Bein hoch. Miiiaaauuu! (Schneller!)
Ich:
Fülle Hundefutter in den Fressnapf.
Hund:
Wedelt glücklich mit dem Schwanz und frisst.
Ich:
Setze mich mit Kaffee und Toast an den Küchentisch.
Hund:
Wuff, wuff, wuff! (Muss dringend nochmal raus!)
Ich:
Lasse den Hund raus und setzte mich wieder um Kaffee zu trinken.
Kater:
Miiiaaaauuuuuuuuu! (Zu wenig Futter!)
Ich:
Blicke aus dem Fenster auf den Hund.
Hund:
Macht zwei große Würste und will sie fressen.
Ich:
Springe auf, schnappe die Schaufel und eile in den Garten.
Garten:
Sehr nass und sehr kalt.
Rechter Pantoffel:
Bleibt verschwunden.
Ich:
Werfe den Kot mit der Schaufel über den Zaun auf die Weide.
Hund:
Springt mich an.
Schaufel:
Fällt aus meiner Hand auf meinen rechten Fuß.
Rechter Pantoffel:
Bleibt verschwunden wird jetzt schmerzlich vermisst.
Ich:
Gehe in die Küche zu meinem Kaffee und Toast.
Hund:
Wuff, wuff! (Will wieder rein.)
Ich:
Lasse Hund rein und setzte mich wieder an den Tisch.
Toast:
Kalt und pappig.
Kaffee:
Lauwarm, duftet nicht mehr!
Ich:
Schalte die Kaffeemaschine wieder ein und nehme einen Riegel Schokolade.
Schokolade:
Tröstet!
Hund und Kater:
Liegen auf ihren Kissen und fühlen sich wohl.
Kaffeemaschine:
Brummt!
Ich:
Freue mich auf den zweiten Kaffee!

~ Ende ~

Morgens – 6:30 Uhr

Kira und Momo Ich träume einen seltsamen Traum. Irgendwer klopft an irgendeine Tür „Tock, tock,“ und will nicht aufhören. „Tock, tock“ nun macht ihm doch endlich auf, denke ich.

.

Das Klopfen ist so seltsam nah und so entschließe ich mich, die Tür selbst zu öffnen. Langsam, ganz langsam öffne ich sie und werde mit einem Schwall Feuchtigkeit begrüßt. Warum nur klopft diese Katze immer mit der Pfote auf meinen Kopf und niest mir ins Gesicht, wenn ich nicht gleich wach werde?

Schlaftrunken wanke ich in die Küche. Hinter mir ein leises „Tapp, Tapp“ und dann plötzlich ein „Tapp, Tapp, Tapp, Tapp“. Aha! Katze Nummer zwei hat auch begriffen, dass ein Kühlschranköffnenkönner auf dem Weg in die Küche ist.

Strategisch geschickt plazieren sich die beiden so vor der Küchenzeile, dass ich keineswegs einfach so zur Kaffeemaschine gehen kann – den Weg zum Kühlschrank, in dem die Dosen mit dem Katzenfutter stehen, den lassen sie einladend frei.

Ich mache einen leichten Ausfallschritt in Richtung Kühlschrank und schon bewegen sich beide zur Futterstelle, dorthin, wo ihre Futternäpfe stehen. „Ha, hab ich Euch!“ entfährt es mir mit Genugtuung. Ich mache eine rasche Kehrtwendung und stehe an der Kaffeemaschine. Einschalten, Wasser nachfüllen, frisches Pad einlegen, die Tasse unterstellen und während dessen die Katzen aus den Augenwinkeln beobachten. Sie sind nämlich schlau und wenn sie sich hinters Licht geführt fühlen, dann platzieren sie sich auch schon mal heimlich, leise und schnell so hinter mir, dass ich beim nächsten Schritt – egal wohin – einfach nur stolpern kann.

Die Maschine beginnt mit einem leisen Summen das Wasser aufzuheizen. Jetzt ist es Zeit für den Kühlschrank. Eigentlich könnte ich ja jetzt erst einmal zwei Scheiben Vollkorntoast in den Toaster schieben, aber dann hätte ich für den Rest des Tages bei den beiden Schmusetigern verschissen. Das will ich keinesfalls, also Katzenfutter aus dem Kühlschrank nehmen, die frischen Futternäpfe aus dem Regal fischen und erst einmal die Frühstücksportionen verteilen. Katze Nummer zwei ist wieder besonders hungrig. Er richtet sich neben mir auf, hebt jammernd die Pfoten in die Höhe und klopft vorsichtshalber mit einer Pfote auch noch ein paar Mal gegen mein rechts Bein. Nur um ganz sicher zu gehen, dass dieser dumme Mensch mit dem verschlafen blödsinnigen Gesichtsausdruck auch wirklich begriffen hat, dass es um eine wichtige Sache geht – sozusagen um Leben und Tod.

Nun gut, voilá! Da ist euer ersehntes Futter! Ich schiebe nun auch meine Brotscheiben in den Toaster und bringe mit einem Knopfdruck die Kaffeemaschine zum Gurgeln, begleitet von dem betörenden Duft von Gala N° 1 – kann das Leben noch etwas Schöneres bieten? Ja, es kann! Nachdem die Katzen und ich gefrühstückt haben, setze ich mich an den Laptop, um ein wenig zu schreiben. Aber dann, etwas später dann, dann werde ich die Liebste mit einem frischen Kaffee wecken. Die Katzen werden es sich auf ihrer Bettdecke bequem gemacht haben, das Radio wird den Morgen mit leisen Klängen untermalen und wenn sie dann, den Kaffeeduft in der Nase, ihre Augen öffnet und mich anlächelt, das ist dann wirklich nicht mehr zu toppen!

Die Lösung

228768_original_R_K_by_Paul-Georg Meister_pixelio.de.Fläschen Als Georg erwachte, lag seine Frau mit geöffneten Augen neben ihm und starrte an die Zimmerdecke. Langsam und sanft reckte er seinen Arm zu ihr hinüber und streichelte zärtlich ihre Wange.

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Außer mit einem kurzen Augenzwinkern reagierte sie nicht auf seine Berührung. Georg richtete sich auf und beugte sich zu ihr hinüber: „Was ist mit dir, Liebes?“ fragte er leise. Unwillig schüttelte sie den Kopf und wandte ihr Gesicht ab. Er legte sich zurück, bettete seinen Kopf bequem in das Kissen und überlegte, ob er sich vielleicht irgendetwas hatte zuschulden kommen lassen. Hochzeitstag? Nein,der war ja erst vor vier Monaten gewesen und sie hatten ihn bei herrlichem Sonnenschein an der See verbracht. ‚Was, um alles in der Welt, fragte sich Georg, konnte denn sonst los sein? Ihr Verhalten erschien ihm ganz und gar rätselhaft, denn im Allgemeinen war ihre Ehe von einer stillen Harmonie geprägt, wie sie sich bei Paaren einstellen kann, die schon viele Jahrzehnte glücklich miteinander leben.

Er blickte wieder hinüber zu seiner Frau und sah, dass eine einzelne Träne an ihrer Wange schimmerte. Erschrocken fuhr er hoch, stieg aus dem Bett, umrundete es und ließ sich auf der anderen Seite neben ihr auf die Knie nieder. „Sprich mit mir, Karla!“ forderte er sie auf, „Was ist los?“ Seine Frau schaute ihn mit traurigen Augen an und fragte leise: „Hast du das wirklich vergessen, Georg, oder willst du mich mit deiner Gleichgültigkeit nur darüber hinwegtäuschen, dass wir heute Abschied nehmen sollen?“

Georg erschrak, als ihm wieder einfiel, welcher Tag heute war, der 15. Mai! Vor zwei Monaten hatte er den Bescheid erhalten, dass am 15. Mai, also 2 Monate nach seinem siebzigsten Geburtstag, sein besonderer Tag sein würde. Schon am letzten Weihnachtsfest hatten sie beschlossen, nun, da jederzeit der behördliche Bescheid eintreffen konnte, jeden weiteren Tag wie ein Abschiedsfest zu zelebrieren. Der Vorsatz war allerdings nach ein paar Tagen wieder der Normalität gewichen.

Heute war also „sein Tag“! Obwohl er nun schon zwei Monate wusste, dass dieser Tag kommen würde, fühlte sich der Gedanke daran immer noch so fremd und unwirklich an. Er erinnerte sich daran, dass in seiner Jugend gelegentlich über das „sozialverträgliche Frühableben“ gewitzelt wurde, dass es wirklich einmal soweit kommen würde, hatte niemand ernsthaft für möglich gehalten. Seit einigen Jahren war es nun Realität, mit dem Erreichen des siebzigsten Lebensjahres war jeder Bürger verpflichtet, dem Aufruf der zuständigen Behörde Folge zu leisten und sich beim nächstgelegenen „Abschied in Frieden – Hospiz“ einzufinden.

Natürlich gab es Unruhen und Aufbegehren gegen diese Regelung, obwohl jedem bewusst war, dass es einfach zu viele alte Menschen gab, die nur mit Mühe und notdürftig versorgt und ernährt werden konnten. Die Kehrseite des segensbringenden Fortschritts der Medizin – zu viele Menschen wurden immer älter und die immer kleiner werdende Zahl junger, leistungsfähiger Menschen, ließ eine gewaltige Lücke zwischen dem Finanzbedarf und den Finanzierungsmöglichkeiten klaffen. Eine Lösung hatte dringend gefunden werden müssen, aber ausgerechnet diese?

In den ersten Monaten hatten sich viele der Betroffenen in den Untergrund begeben. In ländlichen Gegenden, auf vereinzelten Gehöften und in kleineren Ortschaften, waren autonome Untergrundgruppen entstanden, die versuchten, als komplette Selbstversorger, ein stilles, unentdecktes geheimes Leben zu führen. Durch den erhöhten Strom- und Wasserverbrauch solcher Gemeinschaften, waren die Behörden ihnen aber zunächst rasch auf die Spur gekommen. Die Gruppen hatten gelernt. Generatoren, Regenwasser Sammelbehälter und die Einschränkung jeglicher Kommunikation über das Internet Telefon und Mobilfunknetze, erschwerten es nun den Suchtrupps und Fahndungsstellen, diese illegalen Alten zu finden. Trotzdem wurde das Leben und Überleben im Untergrund immer schwieriger, irgendwann wurden sie unweigerlich entdeckt. Die weltweite Vernetzung von Regierungen, Behörden und Verwaltungen machte auch den Gedanken an eine Flucht ins Ausland überflüssig. Es gab keinen Ort mehr auf dieser Erde, wohin alte Menschen hätten flüchten können. Kein Asyl, keinen Schutz, niemand der ihnen hätte Zuflucht gewähren können oder wollen. Das Problem war ein globales Problem und zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte hatten alle Länder dieser Erde sich einhellig an der globalen Lösung des Problems beteiligt.

Georg erhob sich seufzend von seinen Knien, gab seiner Frau einen flüchtigen Kuss auf die Wange und schlurfte mit hängenden Schultern in die kleine Küche um einen Kaffee zuzubereiten. Seinen letzten Frühstückskaffee. ‚Wenn nur beizeiten alle Mächtigen der Erde so einhellig und solidarisch gehandelt hätten, dann wäre die Situation nicht in einer solchen Schärfe entstanden.‘ dachte er, ‚Solange jedoch Wirtschaftswachstum, ideologische und religiöse Konflikte, Gebietsansprüche, ethnische Abgrenzungen und die Besitzstandswahrung um jeden Preis, das Handeln und Planen der Regierungen, Militärs und Besitzenden der Welt bestimmt hatten, war das nicht möglich. Zum ersten Mal hatte ein Problem für eine friedliche globale Einigung und Problemlösung gesorgt. Wohin mit den Milliarden alten Menschen? Weg mit ihnen!‘

Karla war mittlerweile aufgestanden und hatte sich im Bad ein wenig zurechtgemacht. Als sie in die Küche kam, erwartete Georg sie lächelnd am Küchentisch, auf dem eine kleine Kanne frisch gebrühten Kaffees und ein kleines Körbchen mit zwei Scheiben Brot standen. „Setz dich zu mir, Liebes!“ forderte Georg sie auf und rückte ihr einen der beiden Stühle zurecht. „Wir werden bald aufbrechen müssen,“ sprach er weiter, nachdem sie beide sich eine Tasse Kaffee eingegossen hatten, „ich will dir ja unbedingt noch helfen, die paar Sachen, die du ins Wohnheim mitnehmen kannst, zu transportieren.“ Karla zuckte zusammen. Der heutige Tag würde ja nicht nur den Abschied von ihrem Mann bedeuten, sondern gleichzeitig auch ihre Umquartierung in eines der Heime für ledige Senioren, denn alleinstehende Menschen, die älter als 68 Jahre, also nicht mehr berufstätig waren, hatten keinen Anspruch mehr auf eine eigene Wohnung. Mit schmerzerfülltem Gesicht schaute sie ihren Mann an. „Mach dir keine Sorgen, Georg,“ sagte sie leise, „ich werde zurechtkommen.“ Während er aufstand, um aus dem Küchenschrank ein letztes Stückchen Streichfett zu holen, öffnete sie rasch ein kleines Fläschchen, dass sie in ihrer Hand verborgen gehalten hatte. Sie leerte es je zur Hälfte in die beiden Kaffeetassen. ‚Gut, dass ich vorgesorgt habe!‘ dachte sie, während sie das leere Fläschchen zwischen dem Stuhl und ihrem Bein verbarg. Während Georg wieder am Tisch Platz nahm, sah er sie seltsam ernst an. „Willst du das wirklich tun?“ fragte er sanft. Karla antwortete rasch und erschrocken: „Was meinst du, Georg? Ich muss doch ins Wohnheim!“

„Ach Liebes,“ sagte Georg mit warmer zärtlicher Stimme, „denkst du denn, ich weiß nicht, was in dem Fläschchen war, dass du vor einigen Wochen besorgt hast und dessen Inhalt du jetzt in unsere Tassen geleert hast?“ „Ich will nicht zurückbleiben!“ flüsterte Klara tonlos, „ich gehe mit dir.“ Wortlos rückten sie ihre Stühle näher zueinander, verschränkten ihre Hände ineinander und tranken mit kleinen Schlucken ihren Kaffee.

Foto: Paul-Georg Meister / pixelio.de

Sonnendunkel

Sonnenfinsternis dunkel mit Murmel Heute Morgen kam mein alter Kumpel Kalle vorbei. Also „Kumpel“ so nennt man in Duisburg Arbeitskollegen oder auch Freunde, ganz wie es gerade passt. Kalle und ich sind in der selben Straße im Duisburger Norden aufgewachsen und auch wenn ich diese ganz besondere Sprache, derer man sich dort bedient, zuhause nie sprechen durfte – meinen Eltern bestanden darauf, ihren Kindern Hochdeutsch beizubringen – so ist mir diese Art zu sprechen doch immer noch geläufig und sehr vertraut.

Kalle kam also heute Morgen zu mir, warf sich, kaum dass er die Wohnung betreten hatte, auf den nächsten Sessel und ließ seine Jacke achtlos daneben auf den Boden fallen. „Hasse en guten Kaffee?“ war seine erste Frage „Und wennse schon inne Küche gehs, kannse auch gleich noch paa Kekse mitbringen!“ Schon meine erste Antwort führte mich direkt zurück in die sprachlichen Gefilde der staubigen Straßen meiner Kindheit, zwischen Hochöfen und Fördertürmen, Kohlehalden und rauchenden Schloten. „Klar Olln, (heute würde man „Alter“ sagen) krisse gleich, tu ersma deine Joppe annen Haken!“ Seufzend stand Kalle auf und brachte sein Jacke zur Garderobe im Flur. „Biss wohl vornehm geworden, wa?“ maulte er und plumpste wieder in den Sessel. Nachdem er seine Beine lang von sich gestreckt hatte, kam er dann gleich zur Sache.

Wir Jungs aus dem Ruhrgebiet machen keine großen Umwege, sondern hauen gleich auf den Punkt.

„Wat iss dat eigentlich mit dat Sonnendunkel, von dem se jetz alle labern?“ fragte er und sah mich aufmerksam an. „Sonnendunkel? Du meins jetz dat mit die Sonnenfinsternis, oda?“ fragte ich vorsichtshalber zurück. „Genau Olln, soll ja jetz gleich passiern, dat wa alle innet Dunkel sitzen und kein Strom mehr auffe Leitungen is, ne?! Vielleicht solln wa schomma nach paar schicke Weiber kucken, is ja ganz praktisch wennet überall dunkel is.“ antwortete Kalle grinsend. Dann versuchte er einen besonders klugen Gesichtsausdruck zu fabrizieren und sagte in leiserem, verschwörerischen Ton: „Wennse mich frägs, ich glaub dat ja allet nich so wirklich. Ich mein, kuck dich ma an wie groß die Sonne is, ne! Und dann stelltse dir den Mond daneben vor, wa?! Dat is doch nur ne kleine Murmel vorn großen Fußball! Kannse mir sagen, wie die Murmel allet dunkel machen soll?“

Ich konnte mir das Lachen kaum verkneifen und bemühte mich wirklich, meinem alten Kumpel Kalle eine ernsthafte Antwort zu geben. „Schau ma Kumpel,“ erklärte ich, „dat mit die Größe is doch nur wegen die Entfernung. Wenn ma deinen Arm ausstrecken tus und auf dein Zeigefinger kucks, dann is der doch ziemlich klein, ne?!“ Kalle tat es mir nach und streckte seinen Arm aus, allerdings konnte er sich nicht verkneifen, anstelle des Zeigefingers grinsend den Mittelfinger hochzurecken. „Soweit klaa, ne!“ bestätigte Kalle mir, „Aber wat soll dat jetz mit die Sonne und diese Murmel von Mond zu tun ham?“ „Is doch klaa, Olln!“ erklärte ich weiter, „Die Sonne is weiter wech und deshalb siehtse kleiner aus alsse is. Der Mond is näher dran und deswegen glaubse, dater größer is. Jetz streck ma den andern Arm aus und halt die Hand hoch. Stell dir ma vor, dat wär jetz die Sonne, ne?! Und wenne jetz mit dem andern Arm mit dem Finger immer näher annet Auge gehs, dann wirdta immer größer. Und wenne dann ganz nah annet Auge biss, dann is der Finger schon so groß, dat du die Sonne fast ganich mehr sehen tus! Siehse dat?“

„Aua, vadammt!“ schrie Kalle laut, „wenne mit dem Finger so nah annet Auge gehs, datte die Hand nich mehr sehen kanns, dann musse dir schon innet Auge stechen!“ Er sprang auf und ging rasch zur Garderobe um sich eine Schachtel Zigaretten aus der Jackentasche zu holen. Wieder zurück im Sessel, zündete er sich eine „Kippe“ an, wie wir im Pott das nennen, nahm einen tiefen Zug und schüttelte dann heftig den Kopf. „Nee, nee Olln,“ schimpfte Kalle, „du kanns mir viel verzählen, ne?! Wennet gleich so weit is, dann könn wa ja rausgehen und kucken. Dannn wirsse ja sehen, wat die kleine Murmel macht, nämlich nix!“ Mit den letzten beiden Bierdosen versorgt, die Kalle mit traumwandlerischer Sicherheit in meinem Kühlschrank geortet hatte, gingen wir kurze Zeit später vors Haus, um die spannenden Ereignisse direkt und live zu erleben.

Was soll ich sagen? Mein Kumpel Kalle hatte Recht! Sie hat absolut nichts gemacht, die kleine „Murmel“. Der „Fußball“ stand golden glänzend am Himmel, wie immer. Ja mir war sogar so, als schiene sie heute besonders warm und intensiv, sozusagen zum Hohn der „Murmelgläubigen“ – wie Kalle sie nannte. Die prognostizierten Katastrophen sind ausgeblieben und auch „Strom war noch inne Leitung“, so dass das Leben seinen Gang gehen konnte, wie eh und je. Bis zum nächsten „Sonnendunkel“ vergehen ja jetzt erst einmal ein paar Jahre und falls mein Kumpel Kalle mich dann wieder besuchen kommen sollte, werde ich jedenfalls mehr Bier im Kühlschrank haben, damit wir ordentlich einen auf „die Murmel“ trinken können.

Die geborgte Unterhose

426546_original_R_K_by_Otto Wenninger_pixelio.de.Unterhose Unterhosen, weil im allgemeinen nicht sichtbar, werden nur sehr selten thematisiert und das, so finde ich, ist ein bedauernswerter Missstand, den es zu korrigieren gilt. Klein, klein liegt mir nicht so, deshalb habe ich beschlossen, die Unterhose ganz groß rauszu-bringen. Ganz wichtig bei so einem Vorhaben ist es natürlich, sich der Mithilfe kompetenter Partner zu versichern. Also habe ich kürzlich meinem Freund Steven geschrieben. Also, so ein ganz enger Freund ist er noch nicht, aber das kann ja noch werden.

Sehr geehrter Herr Spielberg!

Ich freue mich sehr, dass ihnen mein letztes Drehbuch so gut gefallen hat, dass sie es sogar geschafft haben, die ersten drei Seiten zu lesen. Hätten Sie weitergelesen, wäre ihr Urteil vielleicht nicht ganz so vernichtend ausgefallen, aber ich lerne auch daraus. Für ein nächstes gemeinsames Projekt will ich ihnen deshalb zunächst einmal einen kurzen (drei Seiten!) Plot unterbreiten. Die Idee kam mir kürzlich beim Ankleiden, nach einer erfrischenden Dusche.

Stellen Sie sich einmal folgendes Szenario vor:

Frank wird nach einer heißen Nacht (als Folge des Besuches einer Tanzver-anstaltung) plötzlich von Becky mit den Worten geweckt: „Himmel noch mal Frank, steh sofort auf, mein Mann kommt gleich von der Nachtschicht!“ So unter uns Männern, Sie kennen das sicher, lieber Steven?! (Ich darf sie so nennen, wo wir doch sozusagen schon fast Kollegen sind?) Frank springt alarmiert aus dem Bett und sucht, nun schon leicht panisch, nach seiner Kleidung. Hemd, Hose, Jacke, Strümpfe, alles da, aber wo ist die verdammte Unterhose? Unterm Bett vielleicht? Nein, auch nicht! Gerade als er sich seine Hose einfach so anziehen will, kramt Becky aus einer Schublade eine klein zusammengelegte Unterhose hervor und drückt sie ihm in die Hand.

Das ist gar nicht so weit hergeholt, lieber Steven, ich habe auf diesem Wege selbst schon die eine oder andere Ergänzung meines Unterwäschevorrates bekommen.

Zurück zu Frank! Zuhause angekommen, führt ihn sein erster Weg ins Badezimmer, um sich der fremden Unterhose zu entledigen. Einfach in den Behälter mit der Schmutzwäsche gestopft, ein paar Sprühstöße aus der Deodorantflasche und schon schleicht er auf Zehenspitzen ins Schlafzimmer, um sich vorsichtig und leise neben seiner Frau Karen ins Bett zu legen.

Sie denken, lieber Steven, das sei nichts Besonderes, so etwas passiere doch tagtäglich irgendwo? Richtig, aber warten Sie doch erst einmal ab, die Geschichte geht ja noch weiter.

Einige Tage später ist Frank erneut mit Becky verabredet. Die geborgte Unter-hose will er natürlich zurückgeben aber er kann sie nicht finden. So sehr er auch alle Schränke durchsucht, sie ist und bleibt verschwunden.

Während Becky und er dann später bei Kerzenschein und einem Glas Wein zusammensitzen, gesteht er ihr, dass die Unterhose nicht mehr aufzufinden sei und bietet ihr an, sie zu ersetzen. Becky ist zunächst überrascht, schaut ihn eine Weile sehr nachdenklich an, um dann ins Schlafzimmer zu gehen. Dort holt sie aus der Wäschschublade eine klein zusammengelegte Unterhose hervor, bringt sie zu Frank und fragt ganz verlegen: „War es etwa diese, Darling?“

Frank ist schockiert, springt auf und fragt ganz aufgeregt: „Genau die ist es, wo hast du die denn plötzlich her?“

„Kürzlich,“ antwortet Becky, „als mein Mann nach der Arbeit geduscht hat, war sie plötzlich in der Waschmaschine. Ich habe mir gar nichts dabei gedacht.“

Sie können sich sicher vorstellen, lieber Steven, wie aufgeregt die beiden nun waren?! Unterhosen laufen ja nicht einfach so durch die Gegend, das tun sie allenfalls bei meinem Kollegen King. Sie wissen doch, dieser kleine Schreiber, der den gleichen Vornamen wie Sie hat! Ich denke, bei Ihrem Talent, Geschichten in Bilder umzusetzen, lieber Steven, können Sie sich leicht ausmalen, mit welch herrlichen Szenen man dies Geschehen filmisch umsetzen könnte.

Frank fragt dann Becky – nach einer Weile der Sprachlosigkeit – was ihr Mann eigentlich tue. Sie erklärt ihm, dass er beim Elektrizitätswerk arbeite, manchmal nachts im Notdienst, aber meistens tagsüber Zählerstände ablese.
„Du müsstest ihn eigentlich kennen,“ sagt sie nachdenklich, „er ist auch in eurem Viertel unterwegs.“
Ha ha ha, lieber Steven, ist das nicht zu lustig? Also lesen sie sich doch bitte den beiliegenden Handlungsabriss noch einmal genau durch und ich bin sicher, dass daraus unser erstes erfolgreiches gemeinsames Projekt werden kann!

Mit herzlichen Grüßen,
ihr George Miller

Kurz danach habe ich Herrn Spielberg noch einen weiteren Brief geschrieben, den ich Ihnen, geschätzte Leser nicht vorenthalten will.

Lieber Steven,

mir ist aufgefallen, dass ich meinem ersten Brief versehentlich nicht den angekündigten Plot für unser Filmprojekt beigefügt habe, sondern einen Brief, in dem ich dringend um Aufklärung gebeten habe, wie meine gelbe Calvin Klein Unterhose, die ich kürzlich vergessen hatte, plötzlich wieder in meinen Wäscheschrank gelangt ist. Meine Frau hat mir glaubhaft versichert, von nichts zu wissen.
Ich schicke Ihnen den Plot nun als Anlage zu diesem Schreiben und bitte sie, den Ihnen fälschlich übersandten Brief doch einfach kommentarlos an ihre werte Frau Gemahlin weiterzureichen.

Mit herzlichem Gruß
ihr George Miller

Bisher habe ich auf beide Schreiben noch keine Antwort von meinem Freund Steven erhalten, aber ich habe in der Zeitung gelesen, dass es in seiner Ehe kriselt, sogar von Scheidung ist die Rede. Da hat man natürlich erst einmal andere Dinge im Kopf. Angeblich bezichtigt er seine Frau, ihn zu betrügen und sie wiederum wirft ihm Untreue vor.
Sie merken schon, Freunde werden Steven und ich nun doch nicht und eine Partnerschaft wird es wohl eher auch nicht geben. Aber warum verreißt er auch mein Drehbuch so arg? 😉

 

Foto: Otto Wenninger / pixelio.de