Die Zukunft vorhersagen

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Ein paar erstaunliche Dinge habe ich in diesem Jahr gelernt. Wussten Sie, dass Schimpansen zu einer vielfach größeren Kurzzeit – Gedächtnisleistung fähig sind, als wir Menschen? Einer der führenden Primatenforscher aus Japan hat das in langjährigen Forschungen anhand erstaunlicher Experimente bewiesen. Seine These ist übrigens, dass wir Menschen diese Fähigkeit mit dem Erwerb der Sprache und der Fähigkeit zum kognitiven Austausch verloren haben. (Ein interessantes Video dazu findet sich hier: https://www.youtube.com/watch?v=ktkjUjcZid0 )

Die Entwicklung und die Fähigkeiten des menschlichen Gehirns sind ganz allgemein ein Thema, das mich in 2018 fasziniert und begleitet hat.
Energie und Information, sind die Bausteine des Universums und Hans Peter Dürr formulierte so treffend: „Wirklichkeit ist im Grunde Potentialität, nicht Realität.“ Das bringt den nachdenklichen Interessenten irgendwann zu der Frage, was es mit unserem Bewusstsein und unserer Wahrnehmung der Wirklichkeit denn auf sich hat. Die Hirnforschung bestätigt uns, dass jeder von uns seine eigene Vorstellung von der Wirklichkeit hat, obwohl wir durch unsere Sinnesorgane doch ein und dieselben Informationen erhalten. Wir können aus dem, was wir beobachten, auf das schließen, was als Nächstes oder in überschaubarer Zukunft passieren wird, wobei wir auch in diesem Fall zu unterschiedlichen Schlussfolgerungen und Erwartungen kommen. Grundsätzlich war und ist diese Fähigkeit allerdings für unser Überleben von immenser Bedeutung.

In seinem Buch „Unser mathematisches Universum“ schreibt der Kosmologe und Wissenschaftsphilosoph Max Tegmark, dass einer der Hauptzwecke der Wissenschaft und in der Tat auch einer der Hauptzwecke, ein Gehirn zu haben, die Vorhersage unserer Zukunft sei.
Unsere Wirklichkeit, so weist er in diesem interessanten Buch nach, kann eine mathematische Struktur sein, die Raum, Zeit, Materie und sogar uns selbst enthalten kann. Er folgert daraus, dass wir, zumindest im Prinzip, imstande sein könnten, durch Analyse von Beobachtermomenten Vorhersagen über unsere Zukunft machen könnten.

Nun, im Prinzip tun wir das ja auch, nur wählt unser Gehirn nicht den Weg über komplizierte, mathematische Berechnungen. Wenn ein Basketballspieler den Ball in Richtung Korb wirft, dann weiß er, dass der Ball den Weg einer Parabel nehmen wird und intuitiv kann er bestimmen, wieviel Kraft er mit seinem Arm auf den Ball ausüben muss und welchen Bogen sein Arm beim Wurf beschreiben muss, damit der Ball in den Korb trifft. All das könnten wir auch berechnen, aber offensichtlich hat unser Gehirn einen Weg gefunden, in Echtzeit den Istzustand mit Erfahrungswerten abzugleichen um das gewünschte Ergebnis herbeizuführen.

Für die prinzipiell mögliche Vorhersage unserer Zukunft allgemein hat unser Gehirn keine so geniale Abkürzung gefunden und eine entsprechende mathematische Berechnung liegt vollkommen außerhalb unserer Möglichkeiten. Dabei wäre es doch gerade am Ende eines Jahres überaus wünschenswert, einen realistischen Blick in das tun zu können, was das Leben im nächsten Jahr für uns bereit hält. Ein paar Dinge können wir natürlich schon vorhersagen und planen. Der Schimpanse weiß z.B., dass nach jedem erfolgreichen Durchlauf eines Gedächtnisexperimentes – das wir Menschen übrigens nicht einmal ansatzweise bewältigen könnten – aus einer Klappe ein Nahrungshappen in eine Auswurföffnung fällt, wo er ihn entnehmen kann. Etwas mehr ist uns Menschen dann doch möglich. Urlaub, Geburten, Festtage, Beförderungen, Jobwechsel, sehr vieles lässt sich planen und voraussehen.

Allerdings können wir nur solche Fixpunkte und Highlights mit halbwegs akzeptabler Wahrscheinlichkeit voraussehen. Ob der Lieblingsbäcker am 2. Januar morgens um 10:00 Uhr noch Sesambrötchen haben wird, können wir genauso wenig mit Bestimmtheit sagen, wie wir voraussehen können, ob an der Einmündung zur größeren stark befahrenen Straße, jeder immer die Vorfahrt beachten wird, ob wir gesund bleiben, unseren Job definitiv behalten werden oder unsere Partnerschaft auch im kommenden Jahr Dick und Dünn aushalten wird.

Wenn, wie Tegmark es ausdrückt, der Hauptzweck unseres Gehirns darin liegt, die Zukunft vorhersagen zu können, dann jedenfalls auf eine sehr eingeschränkte Weise. Natürlich ist es überlebensnotwendig in jedem Moment voraussehen zu können, welche Ereignisse unsere Handlungen unmittelbar zur Folge haben werden, um nicht schon an der nächsten roten Ampel getötet zu werden. Aber das ist keine sehr große Zeitspanne und es wäre doch eine feine Sache, ein wenig weiter sehen zu können.
So bleibt uns nur die Möglichkeit zu nehmen, was kommt und wie es kommt. Wir sind gezwungen, auf alles gefasst zu sein und doch nichts definitiv erwarten zu können. Diese eingebaute grundlegende Unsicherheit des menschlichen Lebens, verstehen wir hervorragend zu verdrängen und zu übertünchen.

Im Grunde ist diese Unsicherheit allerdings auch nur dann von Bedeutung, wenn wir auf uns allein gestellt sind und unsere Existenz einer von unzähligen Zufällen im Laufe der Entstehung des Universums ist.
Ob die Zeit nun fließt oder nicht, ob sie eine Illusion ist oder einfach nur ein Hilfskonstrukt, dass uns ermöglicht zu leben und zu erleben, verliert seine Relevanz angesichts der Tatsache, dass es einen Ursprung, einen Schöpfer und Erhalter all dessen gibt, was ist. Für ihn sind Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft überschaubar und wer sich ihm anvertraut, dem gibt er die Gewissheit, dass am Ende alles gut sein wird. Im Vertrauen darauf, lässt sich auch 2019 mit froher Erwartung angehen, wie all die Jahre zuvor.

Diese frohe Erwartung voller Gelassenheit und doch auch voller Hoffnung, wünsche ich allen meinen Lesern.

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Zeitraffer

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Erst sind Tage noch wie Jahre
Lebenszeit im Überfluss,
ein Ende noch undenkbar.
Ein Marienkäfer auf der Hand
ungeheuer faszinierend und wichtig.
Die Welt ist groß und spannend,
will entdeckt und erobert werden.

Dann, irgendwann, sind Tage
einfach nur noch Tage
abgezählte vierundzwanzig Stunden
die eingeteilt und verplant werden.
Zeit wird kostbar, wird Geld
und die Welt zeigt schon lange
ihre enger werdenden Grenzen.

So vieles gewünscht, geträumt
vorgenommen und angefangen.
Fokussierung und Selbstbeschränkung
Notwendigkeiten, Sachzwänge und
eine Wirklichkeit, der es sich
unterzuordnen gilt. Die Religion
einer neuen, anderen Zeit.

Das Leben hat Fahrt aufgenommen.
Wochen vergehen wie Tage,
Monate wie Wochen  – und Jahre
werden die kleinen Lücken
zwischen zwei Urlauben.
Kurze Zeitspannen zwischen
Weihnachten und Weihnachten.

Wenn dann Tage wie Minuten
zu verrinnen scheinen,
drängen sich Fragen auf.
Wie viele kommen noch?
Werden sie gut sein
oder mühsam und schmerzhaft?
War’s das schon?

Keine Garantie mehr für einen
nächsten, neuen Tag.
Rückblicke ersetzen Pläne.
Erinnerungen, gestern noch
kleine, glitzernde Schätze,
werden Lebensinhalt,
Dauerwohnsitz und Asyl.

War es gut, war es schlecht?
Was bleibt von diesem Leben?
Bleibt überhaupt etwas
von uns, von unseren Gedanken,
von unseren Taten und Werken?
Haben wir etwas geschaffen
oder haben wir nur verbraucht?


Foto: Dörthe Huth  / pixelio.de

 

Und plötzlich steht man vor der Tür

OLYMPUS DIGITAL CAMERA„Möchtest du auch eine Tasse?“ fragte sie, während sie die Teekanne auf dem Couchtisch absetzte und zum Geschirrschrank ging. Irritiert durch sein Schweigen wandte sie sich um und schaute ihn an. Leicht vornüber gebeugt saß er im Sessel, den Blick gedankenverloren auf einen imaginären Punkt an der Wand gerichtet.

Sie wiederholte ihre Frage und wertete sein leises undeutliches „hmm“ als ein Ja. Nachdem sie die Tassen auf den Tisch gestellt hatte, steckte sie in jede ein Stäbchen mit Kandiszuckerkristallen und goss aromatisch duftenden Tee ein.

„Was ist mit dir?“ fragte sie, während sie sich bequem auf dem Sofa zurücklehnte und einen kleinen vorsichtigen Schluck aus der Teetasse nahm.
Er schreckte auf, „Wie?“ und schaute sie ein wenig verwirrt an. „Wo bist du mit deinen Gedanken?“ sagte sie leise und mit einem besorgten Unterton. Er hob seine Teetasse, hielt sie dicht vor den Mund, um ein wenig auf die heiße Flüssigkeit zu blasen und antwortete dann: „Verzeih bitte, Liebes, aber etwas lässt mir gerade keine Ruhe.“
Er rührte ein paar mal mit dem Stäbchen durch den Tee, trank einen Schluck und fuhr fort: „Du weißt ja, dass ich kürzlich ein Treffen besucht habe, von dieser „Kirche der Gottlosen“ und das beschäftigt mich nun seit Tagen immer wieder.“
„Ach, das war an dem Sonntagnachmittag, als ich mit meiner Freundin auf dem Weihnachtsmarkt war.“ unterbrach sie ihn, „Du hast das erwähnt, bist aber nicht weiter darauf eingegangen. Erzähl doch mal, was hat dich den dort so beeindruckt?“
Er räusperte sich, trank noch einen Schluck aus seiner Teetasse, setzte sie ab und begann zu erzählen:
„Weißt du, diese „Kirche“ hat mich nicht sonderlich beeindruckt, sie war wie jede Kirche, nur eben ohne Gott. Mit Ritualen, einem festen liturgischen Ablauf, Liedern und einer „Predigt“, oder besser gesagt einem Vortrag. Die Christen glauben daran, dass es Gott gibt und diese Atheisten glauben, dass es ihn nicht gibt. Beide suchen das Gemeinschaftsgefühl und die gegenseitige Stärkung ihres Glaubens. Die einen beziehen sich auf Gott, die anderen auf die Philosophie, die Ethik, oder was immer du nehmen willst. Beiden gemeinsam ist offensichtlich das Bedürfnis, sich auszutauschen und die Bestätigung ihres Glaubens oder auch Nichtglaubens, ganz wie du willst, durch Gleichdenkende zu erfahren. Was mich mehr bewegt hat, war der Vortrag, der von dem britischen Philosophen und Buchautor Stephen Cave gehalten wurde.“ Er schwieg einen Moment nachdenklich.
„Was hat er denn so Wichtiges gesagt?“ fragte sie und er fuhr fort:
„Er sprach davon, dass der Mensch aus dem Nichts kommt und wieder ins Nichts gehen wird: ‚Ich will kein Panikmacher sein,‘ waren seine Worte, ‚aber: Wir werden alle sterben.‘ Jeder werde früher oder später ‚Futter für die Regenwürmer‘ sein. Was also tun? ‚Erst sind alle agnostisch, aber sobald man sie mit dem Tod konfrontiert, rennen sie zu Jesus.‘ Aus Angst vor der eigenen Sterblichkeit habe der Mensch Erzählungen entwickelt, die den Tod leugnen. Cave kann der Hoffnung auf Auferstehung und ewiges Leben nichts abgewinnen: ‚Wenn ihr glaubt, dass das echte Leben erst nach dem Tod anfängt, werdet ihr dieses Leben nicht zu schätzen wissen.‘ so hat er den Leuten eindringlich gesagt.“
Er schaute seine Frau nachdenklich an und schloss dann für einen Moment die Augen. Seine Frau warf ihm einen fragenden Blick zu und wartete dann geduldig darauf, dass er weitererzählen würde. Nach einer Weile des Schweigens stand sie auf um einen Aschenbecher und ein Päckchen Zigaretten zu holen. Das Klicken des Feuerzeugs riss ihn aus seinen Gedanken und mit einem dankbaren Lächeln nahm er die brennende Zigarette, die sie ihm hinhielt.

Während sie eine weitere Zigarette aus dem Päckchen nahm und anzündete sprach er zögernd weiter:
„Weißt du Liebes, Cave bezog sich dann auf den Mathematiker und Philosophen Bertrand Russel, der empfahl, das eigene Leben wie ein Buch zu sehen, begrenzt durch zwei Buchdeckel, also durch Geburt und Tod. Es komme darauf an, die Seiten dazwischen mit Abenteuern zu füllen. Es sei egal, ob das eigene Leben ein dicker Wälzer oder eine dünne Novelle sei, ‚Was zählt ist, dass es eine gute Geschichte ist.‘ Das Problem mit dem Tod erledige sich dabei von selbst, denn die Charaktere in dem Buch haben keine Angst vor den letzten Seiten.“
Sie nickte und sagte lächelnd: „ So ganz ist das ja nicht von der Hand zu weisen, oder?“
Er schüttelte heftig den Kopf: „Sag das nicht, mich hat erschüttert, dass so kluge, gebildete Menschen ein solch plattes Beispiel von sich geben können und das auch noch in ein Buch schreiben. Natürlich klingt es witzig und einleuchtend, wenn ich sage, dass die Charaktere in einem Buch keine Angst vor den letzten Seiten haben und es deshalb egal sei, ob es eine kurze oder lange Geschichte, ein dickes oder eher ein schmales Buch sei, aber wir sind ja eben keine Charaktere, die der Phantasie eines Autors entsprungen sind, sondern lebendige Menschen und die „Geschichte“, das ist unser Leben und mir, mein Liebes, mir ist es ganz und gar nicht egal, ob es eine lange oder eine ganz kurze Geschichte ist.“
Er drückte die Zigarette im Aschenbecher aus, griff nach dem Päckchen und zündete sich, von einem Stirnrunzeln seine Frau begleitet, eine weitere Zigarette an. Nach einem tiefen Zug sprach er heftig, ja, fast ärgerlich weiter: „ Dieser Cave hat dann noch zwei weitere Kronzeugen angeführt, beide auch berühmte Philosophen. Zum einen Epikur, den griechischen Philosophen, der sagte, -Der Tod geht uns nichts an; denn solange wir existieren, ist der Tod nicht da, und wenn der Tod da ist, existieren wir nicht mehr.- und dann noch Ludwig Wittgenstein mit der Aussage -Der Tod ist kein Ereignis des Lebens. Den Tod erlebt man nicht. Wenn man unter Ewigkeit nicht unendliche Zeitdauer, sondern Unzeitlichkeit versteht, dann lebt der ewig, der in der Gegenwart lebt.- und diese beiden Aussagen, die haben mich mächtig geärgert. Ich verstehe nicht, wie zwei so außerordentliche Denker, solch außerordentlich dumme Aussagen machen konnten.“

Sie grinste ein wenig schief und neckte dann:“Aber nun nimmst du dich ja der Sache an und wirst das gerade rücken, nehme ich an. Wieso glaubst du, mein kleiner, kluger Liebling, dass diese berühmten Männer sich geirrt haben?“
Er grinste fröhlich zurück und entgegnete:“Du solltest dich doch so langsam daran gewöhnt haben, dass dein Mann ein Bescheidwisser ist. Aber ich will dir meine Gedanken gerne erklären. Wittgenstein mag formal vollkommen richtig liegen mit der Aussage, dass der Tod kein Ereignis des Lebens sei, das ist von solch einem disziplinierten Denker ja auch zu erwarten, aber trotzdem liegt er insofern sehr weit daneben, als die Lebenswirklichkeit eine vollkommen andere ist. Der Tod ist als mit absoluter Sicherheit eintreffendes Ereignis schon von Anfang an ein Bestandteil des Lebens, Philosophie hin oder her.
So wie Ausgangspunkt und Ziel ein unabdingbarer Bestandteil einer Autofahrt sind, so sind Geburt und Tod Ereignisse des Lebens, die absolut feststehen und die uns insofern sehr wohl etwas angehen. Wenn Epikur sagt, der Tod ginge uns nichts an, weil er nicht da ist, solange wir leben und wir nicht mehr leben, wenn er da ist, dann ist auch das nur eine formale Aussage, die jeder Wirklichkeit zuwider läuft. Wenn eines im Leben gewiss ist, dann ist es doch die Tatsache, dass es irgendwann mit dem Tod enden wird. Eine solche absolute Gewissheit auszuklammern, das ist in meinen Augen eine recht naive Art der Verdrängung eines Faktums. Zwar ist es richtig, dass der Tod nicht da ist, solange wir leben, aber daraus den Schluss zu ziehen, dass er uns nichts anginge, ist eher eines Pennälers, als eines Philosophen würdig.“
Er deutete mit dem Kopf auf das Stövchen mit der leicht flackernden Kerze und fragte: „Ist noch etwas Tee da? Dieser Rest hier ist mir mittlerweile zu kalt.“ Als seine Frau nickte, bat er: „Kannst du mir noch ein wenig nachschenken?“ und hielt ihr seine Tasse hin. Nach einem großen Schluck des frisch eingegossenen Tees, lehnte er sich zurück und dachte weiter laut nach:
„Ich will mal ein ein Beispiel konstruieren. Stell dir vor, unser Leben ist ein großer Raum, in den wir bei unserer Geburt hineingesetzt werden. An einem Ende des Raumes befindet sich eine Tür, von der wir aber zunächst noch gar keine Notiz nehmen. Der Raum erscheint uns noch unendlich groß, es gibt soviel zu erleben, zu lernen, zu erreichen, dass wir der Tür in weiter Ferne keine Bedeutung beimessen, falls wir ihre Anwesenheit überhaupt bewusst zur Kenntnis nehmen. Eines ist allerdings sicher, wir bewegen uns, langsam zwar, aber doch unweigerlich und unabänderlich aus diese Tür, den Tod zu.
Nun können wir vorsichtig und in gerader Linie, wie auf einem schmalen Pfad auf diese Tür zugehen, oder wir können die Breite dieses Raumes für uns entdecken, ihn in all seinen Möglichkeiten erkunden und nutzen. Das wäre dann für mich analog zu dem Gedanken Russels, die Wahl, ob es eine spannende, gute Geschichte wird, oder eine gleichmäßig, eher langweilig vor sich hinplätschernde.“
Er griff nach den Zigaretten, zündete sich eine weitere an und gab ihr Feuer, als sie ebenfalls eine Zigarette zwischen ihre Lippen schob. Nachdenklich blickte er auf die kleine, sich kräuselnde Rauchfahne, die vom Ende der Zigarette aufstieg.
„Schau,“ sagte er, „es ist so einfach. Diese Zigarette ist irgendwann, in absehbarer Zeit zu Ende geraucht, das ist Fakt. Wieso wohl, sollte mich das nichts angehen? Ich rauche sie lieber, als dass ich sie sinnlos verqualmen lasse. Mein Leben ist mit Sicherheit irgendwann zu Ende und das sollte mich doch wohl noch weit mehr angehen, oder? Wir durchschreiten diesen Raum, der unser Leben bedeutet in Richtung auf die Tür und zurückgehen können wir nicht.
Je näher wir der Tür kommen umso deutlicher bemerken wir, dass der vor uns liegende Raum kleiner wird, ganz unausweichlich. Nun gibt es natürlich mehrere Möglichkeiten, mit dieser Tatsache umzugehen. Eine Möglichkeit wäre, unseren Blick auf diese Tür zu fixieren, unser Denken und Handeln, unser ganzes Leben nur noch von dem Gedanken an die Tür, die wir einmal durchschreiten müssen, bestimmen zu lassen. Diese Möglichkeit wäre, so denke ich, keine kluge Wahl, denn ich bin sicher, dass würde uns auf Dauer jede Freude verderben und uns der wunderschönen Leichtigkeit berauben, die das Leben mitunter für uns bereit hält. Eine andere Möglichkeit wäre, ganz im Sinne Epikurs zu sagen, dass es uns nichts angeht, solange wir noch leben. Beide Möglichkeiten halte ich für unklug, denn plötzlich steht man vor der Tür und dann muss sie durchschritten werden. Unweigerlich!“
Schweigend sahen die beiden sich an. „Und was wird dann sein?“ fragte sie leise. Er schüttelte den Kopf. „Das, Liebes, das wissen wir eben nicht. Wittgenstein hat sich ja intensiv mit der sprachlichen Möglichkeit befasst, den Begriff des „wissen“ in seinen verschiedenen Wertigkeiten zu erfassen, das ist ganz interessant. Nimm mal den Satz, ich habe zwei Hände. Durch das Anheben und Anschauen der Hände lässt sich leicht beweisen, dass dies behauptete „wissen“ durch ein Faktum untermauert ist, also als sicher gelten kann. Bei dem Satz, dass morgen um 8:00 Uhr der Bus kommen wird, stütze ich mich zwar auf eine, durch regelmäßige Wiederkehr des Ereignisses zu belegende Erfahrung, aber dies Wissen ist schon nicht mehr absolut sicher, der Bus könnte immerhin auch ausfallen oder verunglücken.
Unser Wissen über das, was nach dem Durchschreiten dieser Tür, also nach dem Tod sein wird, beruht jedoch nur auf Vermutungen, Spekulationen oder Glaubensinhalten. Sicher ist da gar nichts. Wenn wir aber schon sicher sind, dass unser Leben unbedingt enden wird und wir über das danach keine gesicherten Erkenntnisse haben, wäre es dann nicht viel klüger, den Tod nicht auszuklammern, sondern als feststehendes kommendes Ereignis unseres Lebens in unsere Lebensgestaltung mit einzubeziehen? Wenn ich schon nichts über das „danach“ wissen kann, dann will ich doch wenigstens bei dem „davor“ meine Lebensplanung, meine Ziele und meine Prioritäten danach ausrichten, dass an dieser Tür alles endet.“

„Und wenn es nun ein danach gibt“ fragte seine Frau leise, „und es gilt, sich darauf vorzubereiten und auch das in unsere Lebensgestaltung einzubeziehen?“
Er schwieg lange und sein Blick schien in die Ferne gerichtet, so als wolle er den imaginären Raum des Lebens auf seine Größe überprüfen.
„Ich denke, es ist wohl klug, auch diese Möglichkeit in Betracht zu ziehen.“ sagte er ein wenig unsicher. „Ich werde jedenfalls über diese Möglichkeit nachdenken. Das muss jeder für sich entscheiden, wie er mit diesem Gedanken umgeht. Sicher ist nur, dass wir irgendwann alle plötzlich vor dieser Tür stehen werden.“

Foto: R.Krause / pixelio.de

Alles nochmal zurück

Etwas läuft verkehrt. Ein neues Jahr hat hoffnungsvoll zu beginnen. Mit guten Wünschen, guten Vorsätzen und guten Plänen, hoffnungsvoll eben. An einem Neujahrsmorgen beim ersten Kaffee lesen zu müssen, dass in Istanbul durch einen Terroranschlag viele Menschen verletzt und getötet wurden und außerdem die Nachricht von einem schrecklichen Autobahnunfall, bei dem es ebenfalls viele Tote und Verletzte gab, zur Kenntnis nehmen zu müssen, das ist kein ordentlicher Jahresbeginn.

Gab es denn nicht im alten Jahr bis zum Schluss mehr als genug Katastrophen, Anschläge und Schreckensnachrichten? Soll das nun etwa so weitergehen? Wenn es ginge, würde ich dafür eintreten, dass dieser Jahreswechsel so nicht gültig sein darf. Er müsste noch einmal wiederholt werden.

Müßig zu erwähnen, dass eine solche Wiederholung nicht möglich ist. Wir sind gezwungen, zu nehmen was kommt und auch genau so, wie es kommt.

George Steiner schreibt in seinem Büchlein „Warum Denken traurig macht.“ folgende Sätze: 

„Wir erfinden die Vergangenheit und erträumen die Zukunft. Doch wie unentbehrlich, wie pracht- und kraftvoll diese Gedankenexperimente auch sein mögen, sie bleiben Fiktionen.“
Gute Wünsche, Vorsätze und Pläne haben ihre Berechtigung, aber sie sind Fiktion und die Wirklichkeit richtet sich sehr oft nicht danach. Da machen wir uns gemeinhin auch keinerlei Illusionen. Wir wünschen das Beste, sind aber eigentlich schon froh, wenn das Schlechteste nicht eintritt. 

Dennoch: So sollte kein Jahr beginnen, nicht auf diese Art!

Foto: Tim Reckmann / pixelio.de

Das Leben ist eine ziemlich mittelmäßige Veranstaltung

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Ich traf ihn an der Erfrischungstheke im Foyer des Theaters. Die Pause hatte gerade begonnen und die Zufuhr kühler Flüssigkeit schien mir der geeignete Pausenfüller zu sein. Während ich meine große Apfelschorle bezahlte, nahm er neben mir sein kaltes Bier in Empfang, setzte das Glas an den Mund und trank es in einem Zug leer. Er setzte das Glas auf die Theke, rief laut: „Noch eins, bitte!“ und suchte in seiner Hosentasche nach einem weiteren Geldschein. Ein Teil des Wechselgeldes, das er zuvor achtlos in die Tasche geschoben hatte, fiel dabei zu Boden.

„Fuck!“ rief er laut und beugte sich hinunter, um die Geldstücke wieder einzusammeln. Hilfsbereit bückte ich mich, um ihm beim Einsammeln des Kleingeldes zu helfen, was ihn dazu veranlasste, sich wieder aufzurichten und sein frisch gefülltes Bierglas an die Lippen zu setzen. Dabei sah er zu mir herunter und murmelte: „Wenn du alles gefunden hast, stecks ein.“

Ich richtete mich auf, sah ihn ein wenig irritiert an und stecke dann die Münzen in meine Tasche. „Danke,“ sagte ich grinsend, „wenn du mal wieder Geld loswerden willst, steh ich gern zur Verfügung.“

Zum ersten Mal wandte er sich ganz zu mir, um mich eingehend zu mustern. „Wohl ‚nen Clown gefrühstückt?“ fragte er mit ernstem Blick, um mir dann lachend auf die Schulter zu klopfen. „Du bist richtig! Immer alles mit Humor nehmen, was das Scheißleben anbietet.“

Mittlerweile war die Pause vorüber. Links und rechts von uns begannen die Besucher eilig wieder in den Saal zu strömen, um rechtzeitig ihre Plätze einzunehmen. Ich hob die Hand zu einem kurzen Gruß und wollte mich ebenfalls auf den Weg zu meinem Platz machen. Nach ein paar Schritten sah ich mich noch einmal um und bemerkte, dass mein seltsamer Trinknachbar an der Theke stehengeblieben war. Ein wenig zusammengesackt machte er den Eindruck eines einsamen, ein wenig verlorenen Menschen. Zögernd verlangsamte ich meine Schritte. Im Grunde war diese Theatervorstellung recht langweilig und so überlegte ich, ob es nicht viel interessanter sein könne, diesem seltsamen Mann ein wenig Gesellschaft zu leisten. Nach ein paar Schritten zurück, nahm ich meinen Platz neben ihm an der Theke wieder ein.

Er neigte seinen Kopf zur Seite, um mich mit einem kurzen, etwas schrägen Blick zu bedenken. Dann blickte er wieder in sein mittlerweile geleertes Bierglas und murmelte: „Ist dir also auch aufgefallen, dass diese Inszenierung nicht sehr prickelnd ist? Mittelmaß! Heute ist alles nur noch Mittelmaß. Selbst das Leben ist eine sehr mittelmäßige Veranstaltung, zumindest im Durchschnitt.“

Ich gab der Bedienung hinter der Theke ein Zeichen, um ebenfalls ein Bier zu bekommen. „Wir schließen die Erfrischungstheke jetzt!“ rief sie mit einem Ausdruck des Bedauerns im professionell gleichmäßig freundlichen Gesicht. Das weckte meinen Trinknachbarn aus seiner trübsinnigen Nachdenklichkeit. Er hob den Kopf, ließ seinen Blick über die Regale hinter der Theke gleiten und sagte dann mit Bestimmtheit: „Dann geben Sie uns doch bitte eine Flasche von dem Bourbon, zwei Gläser und einen Kübel Eis. Wir stellen uns dort drüben an einen Stehtisch.“ Während dessen hatte er aus der Innentasche seines Jacketts eine Brieftasche gezückt, öffnete sie und zog eine Kreditkarte heraus, um sie vor der verdutzten Bedienung auf den Tresen zu knallen.

Nach einer kurzen Rücksprache mit einem wichtig dreinschauenden Mann, offenbar dem Geschäftsführer, nickte die Dame uns lächelnd zu. Wir zogen derweil an den nächstgelegenen Stehtisch um und kurz darauf standen auch schon die Flasche, nebst Gläsern, einem Kübel Eiswürfel und einer Schale Erdnüsse vor uns auf dem Tisch.

Mein Trinknachbar schenkte in beide Gläser reichlich ein und hob das eine dann feierlich in die Höhe. „Ich heiße Cornelius! Lassen wir‘s gemächlich angehen oder auf die harte Tour?“
„Gert!“ antwortete ich, nahm mein Glas und füllte ein paar zusätzliche Eiswürfel ein. „Mein Tempo ist heute eher gemächlich. Prost Cornelius.“

Der nahm einen kleinen Schluck aus seinem Glas und ließ den Whiskey genüsslich über die Zunge rollen. Er setzte sein Glas ab, fischte ein paar Nüsse aus der Schale und fragte, während er gleichzeitig mit Hingabe die Nüsse zermalmte: „Schätze, du bist ebenfalls geschieden, sonst wärst du wohl nicht allein hier?“

Nun bin ich nicht geneigt, mir völlig fremden Menschen gleich in den ersten Minuten unserer Bekanntschaft Details aus meinem Privatleben anzuvertrauen und entgegnete deshalb vorsichtig: „Wie mans nimmt.“ Cornelius grinste breit. „Tja, das ist wohl die richtige Umschreibung für Partnerschaft und Ehe, man ist gerade geschieden oder bald oder mehrmals. Goldene Hochzeiten, das war früher. Heute pendelt man zwischen Freiheit und Handschellen. Man kann nicht ohne, aber auf Dauer auch nicht mit.“

„Na, na, es gibt aber auch schöne Momente, voller Harmonie und Liebe.“ entgegnete ich ein wenig lahm.

„Das klingt aber nicht sehr überzeugend?“

„Nun ja, Partnerschaften sind genau wie das Leben allgemein. Es gibt Aufs und Abs, Höhen und Tiefen, Zeiten voller gemeinsamer Freuden und eben auch Zeiten des gemeinsamen Ärgers.“

„Sag ich doch!“ rief mein Trinkgenosse! „Und wenn du das alles mal gegeneinander aufrechnest, ist die Liebe eine ziemlich mittelmäßige Veranstaltung. Das kennzeichnet doch unser ganzes Leben. Nimm nur den Beruf. Du brauchst lange Zeit und musst viel einstecken, um nach oben zu kommen, aber dort oben beginnt auch schon wieder der Abstieg. Aufs Abstellgleis, in die Bedeutungslosigkeit oder ganz krass in den Abgrund. Wenn es einer schafft, über längere Zeit oben zu bleiben, dann ist das mit Kampf und Krampf verbunden. Am Ende ist er zermürbt und geht selbst oder er wird schließlich doch gegangen.“

Nach einer längeren Pause, in der wir uns intensiv mit dem Whiskey beschäftigten, knüpfte ich an seinem letzten Satz wieder an: „Ich weiß nicht, ob man das verallgemeinern kann und ob es wirklich jedem so geht, aber für mich klingt das so, als habe es zumindest in deinem Leben eine Menge Höhen und Tiefen gegeben.“

„Das kannst du wohl sagen!“ rief Cornelius bitter. „Es gab von beidem reichlich und manchmal denke ich, ein einfaches, ruhiges kleines Leben, so ganz ohne Höhen, dafür aber auch ohne Abstürze, wäre weit besser gewesen.“

„Das hört sich so an, als sei dein Leben schon zu Ende.“ versuchte ich zu scherzen. „Im englischen Sprachraum sagt man ganz treffend, where there‘s life, there‘s hope. Wo Leben ist oder besser gesagt, wo noch Leben ist, da gibt es auch noch Hoffnung.“

Mein Whiskeyfreund richtete sich auf: „Das ist es ja! Die Hoffnung ist eine große Betrügerin, die größte, möchte ich meinen. Nach jedem Scheitern gaukelt sie dir vor, dass es sich lohne, noch einmal neu zu beginnen. Und dann gibt es auch noch diese schwachsinnigen Hoffnungspropheten, die dir verkünden, in jeder Niederlage läge auch eine große Chance für einen erfolgreichen Neubeginn. Alles Blödsinn!“

Nun war es an mir aufzubegehren: „Ja können wir denn ohne Hoffnung überhaupt leben?“ rief ich erregt. „Ist es im Grunde nicht die Hoffnung allein, die uns hilft alle Widrigkeiten wegzustecken, nach vorn zu schauen und so letzten Endes auch das Leben weiterzutragen?“

Einen Moment lang schwieg mein Whiskeyfreund. Ich knüpfte an sein Schweigen die Erwartung, er habe sich ein wenig beruhigt und sähe vielleicht ein, dass die Hoffnung im Leben des Menschen eine absolut unverzichtbare Kraft ist, ohne die es keine Entwicklung, keinen Fortschritt und keine Zukunft gäbe. Ich hatte mich gründlich geirrt!

„Bullshit!“ rief er einigermaßen erbost. „Das Leben weitertragen, was für eine hochtrabende Formulierung. Ist das menschliche Leben denn etwas, was unbedingt weitergetragen werden sollte?
Warum hast du dich entschieden, hier mit mir zu trinken, anstatt dir drinnen in Ruhe den zweiten Teil der Vorstellung anzuschauen? Ich kann dir sagen warum! Weil du festgestellt hast, dass es nicht lohnt, dir eine durch und durch mittelmäßige, enttäuschende Vorstellung komplett anzutun. Du hast die Alternative gewählt, die darin bestand, mit mir hier Whiskey zu trinken und dich mit mir zu unterhalten. Eine kluge Entscheidung, will ich meinen. Du wirst vielleicht sagen, das sei doch gar nicht vergleichbar, denn zum Leben gäbe es nun mal keine Alternative.“

Ich nickte zustimmend und wollte schon antworten, als er, jetzt wieder halbwegs beruhigt, weitersprach.

„Wer sagt dir das? Wie kommst du darauf, dass es zum Leben keine Alternative gäbe? Immerhin gibt es den Tod, als ultimative frei wählbare Alternative, die zudem den Vorteil hat, dass sie dich ohnehin früher oder später ereilt. Weder du noch ich wissen, wie es ist tot zu sein. Was lässt uns vermuten, dass es so viel schrecklicher wäre als zu leben? Ob deine nächste Beziehung, dein neuer Wohnort oder dein neuer Job besser oder nicht vielleicht noch viel schrecklicher sein werden als die Vorangegangenen, das weißt du ebensowenig.“

Seine letzten Sätze machten mich nun sehr nachdenklich. Innerlich musste ich ihm zustimmen. Es gibt im Leben für nichts eine Garantie.

Wir bemühten uns in der nächsten halben Stunde die Bourbonflasche zu leeren und während drinnen im Saal irgendwann der Schlussapplaus verhalten einsetzte, verabschiedeten wir uns mit einem freundschaftlichen Händedruck. Gedankenverloren machte ich mich auf den Weg zum Parkhaus. Schon am Eingang überlegte ich es mir dann anders. Nach dieser intensiven Bourbonverkostung, schien es mir dann doch angebrachter, die nächste Bushaltestelle anzusteuern.

Es war nasskalt und ungemütlich, aber im beheizten Bus würde ich doch wenigstens die Gelegenheit haben, noch ein wenig ungestört meinen Gedanken nachzuhängen. Konnte man das Leben so kompromisslos be- und verurteilen, wie mein Trinknachbar das zu tun schien? Wäre es nicht sogar logisch und sinnvoll, an einem bestimmten Punkt die Konsequenzen zu ziehen und einfach zu sagen, gut, das wars?

Seine Einstellung schien mir nicht ganz unlogisch zu sein, andererseits allerdings sehr theoretisch. Er lebte ja auch. Immer noch und immer weiter.
Wie auch immer, es war eine durchaus interessante Unterhaltung und allemal sinnvoller als dies Theaterstück bis zum Ende zu ertragen. Kurz bevor der Bus meine Haltestelle erreichte, erhob ich mich, um schon einmal zum Ausstieg zu gehen. Auf dem Weg durch die Sitzreihen fiel mein Blick auf ein Paar in mittlerem Alter. Er, ganz Gentlemen, hatte ihr seinen Mantel um die Schultern gelegt und sie ihren Kopf vertrauensvoll auf seinen Oberarm gelegt. Die Augen geschlossen und ein leichtes, feines Lächeln im Gesicht.

Ja, dachte ich, das Leben kann schön sein. Ich liebe das Leben. Trotz allem und selbst wenn es im Durchschnitt und unter dem Strich auch nur eine ziemlich mittelmäßige Veranstaltung gewesen sein wird.

 

Foto: Rainer Sturm  / pixelio.de

There is a crack in everything

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Es gibt Menschen, in deren Lebenslauf Brüche sichtbar sind, deren Herz Narben trägt und deren Seele Risse davongetragen hat. Zu diesen Menschen gehöre auch ich. Aber ich gehöre auch zu denen, die bestätigen können, was Leonhard Cohen († 10. November 2016) in unvergleichlich poetischer Weise gesungen hat.

 

 

 

There is a crack in everything
That’s how the light gets in.

 

 

Mit seinem kürzlich veröffentlichten Album hat er mir und sicher vielen Millionen Menschen auf der ganzen Welt, ein wundervolles letztes Geschenk gemacht.

Was ist wichtig?

momoSie kennen das sicher! Es ist oftmals der erste Moment einer Begegnung, der über Sympathie oder Abneigung entscheidet. Um diesen ersten Eindruck zu korrigieren bedarf es mitunter sehr viel Zeit und oft bleibt er auch für immer. Als ich dem kleinen Herrn M. zum ersten Mal begegnete, konnte ich einfach nicht umhin, ihn sofort zu mögen. Ein wenig übergewichtig, ein leichter Silberblick und ziemlich krumme Beine, aber rundum ansehnlich und gepflegt.

 

Seit dieser ersten Begegnung sind nun schon fast zwei Jahre ins Land gegangen und Herr M. hat sich verändert. Ich allerdings auch, denn die Zeit tut mit uns allen was sie gewöhnlich tut, sie lässt uns altern. Der kleine Herr M. hat zum Beispiel an Gewicht verloren, fast könnte man sagen, er ist dürre geworden. Das macht seine, nach Art eines Cowboys gekrümmten Beine noch augenfälliger und lässt erkennen, dass sein Gang, dem Alter entsprechend, schon etwas staksig geworden ist. Er pflegt sich nach wie vor sorgfältig, aber die fehlende Gelenkigkeit macht sich auch darin bemerkbar. Eines hat er jedoch unerschütterlich beibehalten, seine Pünktlichkeit. Man könnte immer noch seine Uhr nach ihm stellen, denn auch wenn er mittlerweile sehr viel schläft, zu den Mahlzeiten stellt er sich nach wie vor auf die Minute genau ein und wird durchaus auch schon mal ungehalten, wenn das Essen nicht augenblicklich bereitsteht.

Wir sind schon gleich zu Anfang unserer Bekanntschaft, die sich zu einer tiefen Freundschaft entwickelt hat, dazu übergegangen uns zu duzen. Herr M., eigentlich heißt er Momo, ist das ohnehin egal, er ist nämlich stocktaub. Das bedeutet allerdings nicht, dass er sich nicht weiterhin lautstark zu äußern versteht. An manchen Tagen, bleibt er jedoch merkwürdig stumm. Dann steht er erwartungsvoll vor seinem Fressnapf und schaut mich – je nach Uhrzeit – fragend oder vorwurfsvoll an. Jede Äußerung scheint ihm dann zuviel zu sein. Sein Blick sagt auch so deutlich, was er meint: ‚Nach all der Zeit, solltest du langsam wissen, worauf es im Leben ankommt und ein pünktlich gefüllter Fressnapf gehört dazu!‘

Nach dem Fressen stakst Herr M. entweder in den Garten um hie und da an ein paar Gräsern zu zupfen – von der Zeit, als Wühlmäuse vor ihm zittern mussten, träumt er nur noch selten – oder am frühen Morgen, zum Beispiel, geht er langsam und würdevoll zurück ins Schlafzimmer, um es sich auf den Beinen meiner Frau, die gern ihren ersten Kaffee im Bett genießt, gemütlich zu machen. Sekundenschnell schläft er dann wieder ein, nicht ohne jedoch seine innere Uhr auf die nächste Mahlzeit einzustellen.

Ich hab ihn ins Herz geschlossen, unseren kleinen schwarz/weißen Kater Momo und mir graut vor dem Tag, an dem er einmal nicht mehr bei uns sein wird. Unsere kleinen Unterhaltungen am frühen Morgen, wenn ich am Küchentisch meinen ersten Kaffee genieße, die möchte ich einfach nicht mehr missen. Unterhaltung, werden Sie vielleicht etwas irritiert fragen, der Kater ist doch taub? Nun, ich gebe zu, dass ausschließlich ich es bin, der erzählt und Fragen stellt, aber das bedeutet nicht, dass er mir nicht antworten würde. Wenn er seinen Kopf für einen Moment aus dem Fressnapf hebt und mir einen seiner unbeschreiblich tiefen Blicke zuwirft, dann lese ich darin alle Antworten auf die bedeutenden Fragen des Lebens. Vertrauen, Zuneigung – ich nenne es Liebe – und ein gut gefüllter Magen, lösen letztlich fast alle Probleme, die im Leben auftauchen können.

Manchmal, das weiß der kleine Herr M. auch ganz genau, braucht man zusätzlich noch etwas Geduld, aber das ist in seinem Alter kein Problem. Wir haben in den zurückliegenden Jahren unseres Lebens warten gelernt, Kater Momo und auch ich. Manchmal wartet man einfach geduldig darauf, dass ein Ärgernis vorüber geht und manchmal wartet man auf seine Chance, um zu bekommen, was man gerne möchte. Im Umgang mit unserem Hund Chopin konnte ich beobachten, wie gut Momo das beherrscht. Der Hund will spielen? Soll er doch, denkt sich der kleine Herr M., und schaut den Hund mit vollkommen ausdrucksloser Miene so lange an, bis diesem entweder von Ms Silberblick schwindlig wird, oder er begreift, dass sein Ansinnen nicht auf Gegenliebe stößt. Wenn es zu lange währt, holt M. auch schon mal aus, um dem aufdringlichen Hund „paff, paff“ links und rechts eine Ohrfeige zu verpassen und gut ist‘s. Schon oft habe ich mit einem Seufzen und einem stillen Lächeln gedacht, wie schön es doch wäre, wenn ich die Dinge so direkt, einfach und geordnet handhaben könnte.

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Während ich diese Zeilen schreibe, stakst M. gerade auf leisen Sohlen an mir vorbei. Er war im Garten und strebt nun zu seinem Lieblingskissen auf der breiten Fensterbank. Im Vorbeigehen schaut er mich kurz an und ich könnte schwören, dass Mitleid in seinem Blick lag. Auf seinem Kissen angekommen streckt und reckt er sich noch einmal ausgiebig und bevor er seine Augen zu einem ausgiebigen Schläfchen schließt, wirft er mir noch einmal einen Blick zu, mit dem er mir zu sagen scheint, das Leben könnte so schön sein, wenn du dich mehr auf die wichtigen Dinge besinnen würdest. Danke, kleiner Herr M.! Ich denke, ich werde mich jetzt auch ein wenig hinlegen.

Osterfreude

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Osterfreude ist ein Begriff, der ein wenig aus der Mode gekommen ist. Für mich ist es die wahre Freude, die Freude, die durch nichts zerstört werden kann, die Freude am Leben. Schon bei der Geburt geht das Leben seinen unvermeidlichen Weg hin zum Tod, aber der schreckt mich nicht. Wie schon Nietzsche treffend zu sagen wusste: „Nur wo Gräber sind, gibt es Auferstehungen.“

Der Tod ist nicht das Ende, sondern nur das Tor, ein Durchgang zu einer neuen, anderen Welt. Khalil Gibran drückte das so aus: „Die Welt der Materie, und alles was zu ihr gehört, ist nur ein Traum im Vergleich zu dem Erwachen, das wir den »Schrecken des Todes« nennen.“ und in einem wunderschönen Lied, dass sich an biblische Texte anlehnt, formuliert Peter Strauch es so: „Wir werden sein wie die Träumenden, die noch nicht fassen, was sie sehn.“

Nenne meinen Glauben kindlich, naiv, oder dumm, das wird mich nur noch in dem bestärken, was für mich unzweifelhaft feststeht:

„Christus ist auferstanden, er ist wahrhaftig auferstanden!“

Wladimir Sergejewitsch Solowjow, ein russischer Religionsphilosoph und Schriftsteller, hat dazu einen Satz geprägt, den ich mir zu eigen gemacht habe:

„Ich persönlich hege, seit ich den tieferen Sinn der Weltgeschichte und der Menschheitsgeschichte anerkenne, nicht den geringsten Zweifel an der Auferstehung Christi, und alle Einwendungen dagegen bekräftigen durch ihre Haltlosigkeit meinen Glauben daran.“

Ich wünsche allen Freunden, Lesern und Wegbegleitern ein frohes Osterfest und vielleicht auch ein wenig Besinnlichkeit, um die Bedeutung des Wortes „Osterfreude“ für euch persönlich neu auszuloten oder zu spüren!
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Foto: juli.gänseblümchen  / pixelio.de

 

Ein Zahnstocher für Angela

Ich gebe unumwunden zu, um Lanzen zu brechen, bin ich ein viel zu kleines Licht, aber ein Zahnstocher darf es schon sein. Mal abgesehen davon, dass ich meine aktive Tätigkeit in der Kommunalpolitik aus verschiedenen Gründen schon vor langer Zeit beendet habe, hat sich im Laufe der Zeit die Erkenntnis in mir durchgesetzt, dass Sensibilität gepaart mit einer gewissen Dünnhäutigkeit im Umgang mit persönlichen Angriffen, eine denkbar schlechte Voraussetzung für das hauptamtliche Politikerdasein sind.Was über unsere Spitzenpolitiker mitunter im Laufe eines Tage an Jauche ausgegossen wird, müssen die meisten von uns nicht einmal während ihres gesamten Lebens ertragen.

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Gerade haben viele deutsche und europäische Spitzenpolitiker und selbsternannte Durchblicker offensichtlich beschlossen, ihren gesamten Vorrat an ätzender Gülle in die Richtung unserer Kanzlerin, Angela Merkel, zu verspritzen. Ich bin es mir schuldig ausdrücklich festzustellen, dass weder die CDU meine Wunschpartei, noch Frau Merkel meine Wahl als Kanzlerin sind. Da ich aber demokratische Entscheidungen respektiere, sehe ich beides als das, was im Moment da ist und womit es sich zu arrangieren gilt. Regelmäßige Wahlen ermöglichen ja immer den Versuch, die Gegebenheiten zu verändern.

Nun machen gerade die Äußerungen eines Österreichers Furore, in denen er – auf küchenpsychologischem Niveau – versucht, mit kruden Theorien Frau Merkel zu diskreditieren. Obwohl dies selbst seiner eigenen Partei nun etwas zu viel wurde, lese ich allenthalben im Netz und anderswo, wie notorische Flachdenker sich an diesen Äußerungen zustimmend ergötzen. Da bleibt mir nur ein staunendes Kopfschütteln! Was immer man Frau Merkel an Motiven unterstellen mag, sie wäre eine schlechte Politikerin, wenn sie all diese Gründe nicht auch gedanklich erwogen oder zumindest zur Kenntnis genommen hätte, aber wer ihr zuhört, der weiß, dass die Gründe für ihr Handeln in der Hauptsache einen ganz simplen Grund haben, Menschlichkeit und Mitmenschlichkeit. Allerdings sind wir offenbar so sehr daran gewöhnt, dass genau diese Haltungen in der Politik keine Rolle spielen, ja nicht einmal spielen dürfen, dass es vielen sehr suspekt ist, wenn ausgerechnet die Kanzlerin des wirtschaftlich stärksten Landes Entscheidungen, Denken und Handeln davon leiten lässt.

Bei Arno Gruen habe ich im Vorwort seines Buches „Der Wahnsinn der Normalität“, folgenden bemerkenswerten Satz gefunden, dem ich nur zustimmen kann:

Während jene als ‚verrückt‘ gelten, die den Verlust der menschlichen Werte in der realen Welt nicht mehr ertragen, wird denen ‚Normalität‘ bescheinigt, die sich von ihren menschlichen Wurzeln getrennt haben. Und diese sind es, denen wir die Macht anvertrauen und die wir über unser Leben und unsere Zukunft entscheiden lassen. Wir glauben, dass sie den richtigen Zugang zur Realität haben und mit ihr umgehen können. Aber der ‚Realitätsbezug‘ eines Menschen ist nicht der einzige Maßstab, um seine geistige Krankheit oder Gesundheit festzustellen, sondern man muss auch fragen, inwieweit menschliche Gefühle wie Verzweiflung, menschliche Wahrnehmungen wie Empathie und menschliches Erleben wie Begeisterung möglich oder eliminiert sind.“

Ich persönlich habe, gerade durch das Handeln von Frau Merkel, zum ersten Mal seit langem wieder die Hoffnung, dass nicht alle Spitzenpolitiker, hier und im Rest der Welt, nur noch aus einem unverhohlenen Machtkalkül heraus agieren. Dass ausgerechnet Frau Merkel, deren Politik nur selten in der Nähe meiner Wunschvorstellungen für eine bessere Welt stattfindet, nun zeigt, dass menschliche Gefühle, Wahrnehmungen und menschliches Erleben dennoch bei wichtigen Entscheidungen eine Rolle spielen können, das nötigt mir Respekt ab und ist der Grund für diesen kleinen Zahnstocher, den zu brechen mir ein Bedürfnis war.

Foto: Hartmut910  / pixelio.de