Draußen sind die Verrückten

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Wenn Schulz darüber nachdachte, erschien es ihm eigentlich gar nicht so schlecht, jetzt in der Psychiatrie zu sein. Immerhin – er wurde hier gut versorgt. Die lästigen Dinge des Alltags wurden ihm abgenommen und für alles Unerfreuliche und Ärgerliche, war er hier unerreichbar.

Leise kicherte er in sich hinein. Etwas, das ihm andernorts verwunderte Blicke eingebracht hätte. Hier war es erlaubt und wurde akzeptiert.

Schulz richtete seinen Blick nach innen. Etwas, das bei ihm schon immer mit einer intensiven Drehung seiner Augäpfel nach oben verbunden war. So waren Iris und Pupille kaum noch sichtbar und das dominierende Weiß seiner Augäpfel ließ sein Gesicht unwirklich erscheinen. Dieser Anschein der Unwirklichkeit schien dann seinen gesamten Körper zu umgeben. So, als sei er plötzlich irgendwie gasgefüllt und kurz davor abzuheben und davonzuschweben. In solchen Momenten gelang Schulz etwas, was den Physikern gleichermaßen wie den Philosophen dieser Welt bisher verwehrt geblieben ist. Er tauchte in das Nichts ein. Etwas, das nicht zu beschreiben oder zu definieren war, das weder vermessen, noch berechnet werden konnte.

Schulz hätte es auch nicht zu beschreiben vermocht. Er war sich dessen nicht einmal bewusst, aber es gelang ihm scheinbar mühelos in dieses geheimnisvolle Nichts zu wechseln. Dort gab es kein Innen, kein Außen und nicht einmal Schulz selbst existierte dort noch. Das Nichts enthielt absolut nichts.

Schulz öffnete die Augen. Plötzlich war alles wieder da. Der kleine qualmgefüllte Raucherraum, das halbe Dutzend Patienten um ihn herum und auch er selbst. Alles wurde wieder wirklich und greifbar. Schulz liebte diese Momente, waren es doch die wenigen Augenblicke, in denen er seine eigene Existenz und seine Umgebung ganz deutlich wahrnehmen konnte. Wie neu, frisch und sauber, nicht von Gefühlen oder Gedanken verschmutzt und belastet. Diese kleinen Wiedergeburten, sozusagen die Neuerschaffungen der Wirklichkeit, reihten sich wie glänzende Perlen an einer edlen Schnur auf. Für Schulz war es seine Lebenskette, ein kostbares einzigartiges Kunstwerk.

Die Zigarette in seiner Hand war mittlerweile fast verqualmt und ein langer Aschewurm auf das Tischchen neben den Aschenbecher gefallen, was ihm ärgerliche Blicke der Anderen einbrachte, aber das war Schulz egal.

Was soll’s?“ dachte er, „Ich bin ein Idiot und deshalb darf ich das.“

Schulz warf einen Blick auf seine Armbanduhr. Die Gesprächsgruppe würde gleich beginnen. Hastig verließ er das kleine verqualmte Zimmer und machte sich auf den Weg zum Gruppenraum. „Nehme ich den Aufzug oder die Treppe?“ überlegte er, während er mit schnellen Schritten den langen Flur entlang lief. Er kam zu dem Schluss, dass in beiden Fällen das Ergebnis gleich sein würde. Unschlüssig stand er schließlich am Treppenaufgang und sein Blick wechselte von der Treppe zur Aufzugtür und wieder zurück zur Treppe.

In ihm stieg eine undeutliche, aber doch wahrnehmbare Erinnerung an das letzte Gruppengespräch auf. „Wie geht es dir heute?“ war er gefragt worden.

„Was für eine blöde Frage, wie soll ich das wissen? Da musst du meinen Arzt fragen.“ hatte er geantwortet und damit allgemeines Gelächter hervorgerufen. Gleichermaßen verwundert und erfreut, hatte Schulz in das Gelächter eingestimmt. Er war sich durchaus darüber im Klaren, dass ja auch die anderen Patienten ärztlich genehmigte Idioten waren und man also mit allem rechnen musste. Nach seinem ureigenen, tiefen Empfinden, war zusammen lachen ohnehin fast so schön, wie zusammen weinen.

Er setzte sich auf die Treppe, um gleich mal ein wenig zu weinen. Seine Erfahrung hatte ihn gelehrt, dass man durchaus auch allein lachen oder weinen konnte, man brauchte dazu weder einen Anlass, noch unbedingt Gesellschaft. Es tat trotzdem gut.

Urplötzlich hatte Schulz eine Idee. Er würde sich einfach ein Wannenbad gönnen. Dazu war weder die Entscheidung zwischen Treppe und Aufzug nötig, noch würde ihn jemand fragen, ob es ihm gut ginge. Der Rückweg durch die Station war problemlos. Keine Schwester, kein Pfleger, kein Therapeut und kein Arzt hatte ihn bemerkt. Wenn doch, dann wussten sie jedenfalls nicht, wo er in diesem Augenblick hätte sein sollen.

Wie jedesmal bei der Benutzung des großen Badezimmers auf der Station, blieb er stehen, um das Schild an der Tür sorgfältig zu studieren. Dort stand, man solle während eines Wannenbades den Wäschewagen vor die Tür stellen. Schulz empfand diese Anweisung als geheimnisvoll undurchschaubar. Letztlich endeten seine Überlegungen immer mit dem Entschluss, dass Badezimmer zu betreten, die Tür abzuschließen, den Wäschewagen vor die Tür zu schieben und sie auf diese Weise sorgfältig zu verbarrikadieren. Den Sinn dieser Anordnung, den Eingang zum Bad mit dem Wäschewagen zu versperren, würde er wohl nie ergründen, aber in der Psychiatrie herrschten andere Regeln, das hatte schon verstanden und irgendwie auch einsehen können.

Voller Vorfreude ließ Schulz das Badewasser ein. Im Badezimmer verteilt standen einige Flaschen Duschgel und Badezusätze, die Schulz einsammelte und großzügig mit seinem Badewasser mischte. Fasziniert beobachtete er, wie die verschiedenfarbigen Flüssigkeiten sich mit dem Wasser vermischten, das schließlich eine schmutzig violette Färbung annahm.

Wie Omas Morgenmantel!“ rief Schulz lachend und ließ sich fröhlich in die Wanne gleiten. Das Wasser war von einer dicken Schicht Badeschaum bedeckt und Schulz stellte sich immer vor, dieser Schaum sei eine wunderschöne nackte Frau, die sanft und zärtlich über seinen Körper glitt. Schulz beschloss, dies Erlebnis in seine Liste der schönsten Gefühle aufzunehmen, gleich hinter Weinen und Lachen.

Langsam ließ er sich tiefer in die Badewanne gleiten, bis sein Kopf ganz unter Wasser war. Er wartete ein wenig und ließ dann Luft in kleinen Stößen aus seinem Mund nach oben steigen. Es bildeten sich kleine Luftblasen, die rasch aufstiegen und an der Wasseroberfläche platzten.

Denken, nannte Schulz das. Genau so spielte sich das in seiner Vorstellung im Kopf ab. Kleine Blasen stiegen von irgendwo tief unten auf, dehnten sich aus und zerplatzten. Nach ein paar Minuten war er das Denkspiel leid geworden. Er richtete sich auf und sah auf die immer noch das Wasser bedeckende Schaumschicht.

Langsam hob er einen Fuß an, so dass der große Zeh sich ein Stückchen aus dem Schaumteppich hob und sang lächelnd ein Lied aus Kindertagen:

Siehst du den Mond dort stehen, er ist nur halb zu sehen und ist doch rund und schön. So sind gar manche Sachen, die wir getrost verlachen, weil uns’re Augen sie nicht seh’n.“

Mit einem Ruck hob er seinen Fuß aus dem Wasser und kreischte: „Aaahhh ein Monster!“ Der zweite Fuß folgte und er rief halb lachend und mit ein wenig Panik in der Stimme: „Oh oh, noch eines! Hinweg mit euch!“

Platschend ließ er beide Füße wieder ins Wasser fallen und hielt sich vor Lachen den Bauch. Er griff nach einer Shampooflasche und begann eine reichliche Portion davon in sein Haar zu massieren. Während er leise vor sich hin summte, versuchte er sich zu erinnern, was für den Rest des Tages noch anstand.

Der Müll!“ rief er und richtete sich ruckartig auf. Diesen verdammten Müll hätte er fast vergessen.

Seit er im Raucherraum das Schild mit der Aufschrift „Müll wegwerfen verboten!“ entdeckt hatte, hortete er die Abfälle in seinem Schrank. Dieser begann allerdings langsam überzuquellen. Er hatte ein paar andere Patienten darauf angesprochen, die hatten allerdings lachend behauptet, damit sei nur gemeint, keinen Müll in den Ascheneimer im Raucherraum zu werfen. Er glaubte ihnen das nicht. Schließlich, davon war Schulz überzeugt, war das Pflegeteam auf der Station ganz sicher in der Lage, Anweisungen klar und unmissverständlich zu formulieren. Vor ein paar Tagen hatte er sich deshalb dazu entschlossen, seinen Müll kurzerhand aufzuessen.

Rasch beendete Schulz seine Haarwäsche, stand auf und begann sich abzuduschen. Es machte einen Heidenspaß, mit der Handbrause von der Badewanne ab und zu mal in den Raum zu spritzen. Das Fenster konnte er mit dem Strahl mühelos erreichen und selbst die Tür ließ sich, im Falle eines Brandes, damit problemlos löschen.

Dann stieg Schulz aus der Wanne und während er sich mit dem großen Badehandtuch abrubbelte, nahm sein Plan für den Nachmittag Gestalt an.

Als Erstes würde er einen kurzen Abstecher zum Supermarkt gegenüber der Klinik machen, um reichlich Senf und Ketchup einzukaufen. Vielleicht noch ein Baguette, als Beilage. Dann würde er seinen Müll im Backofen des Aufenthalts- und Speiseraumes ordentlich schmoren lassen. Danach wollte er in seinem Zimmer alles ganz in Ruhe verzehren.

Voller Tatendrang verließ er das Badezimmer und lief fröhlich pfeifend zu seinem Zimmer. Während er aus seinem Schrank den Geldbeutel und eine Einkaufstüte hervorkramte, breitete sich in ihm ein Gefühl tiefer Zufriedenheit aus. Er würde heute sein Müllproblem beseitigen und falls er sich beeilte, könnte er sicher danach noch mit Hannelore und Jens im Aufenthaltsraum Mensch ärger dich nicht spielen.

Er setzte sich auf seine Bettkante, um ein wenig zu weinen. Diesmal allerdings vor Glück. „Ein schöner Tag.“ dachte er, „Hier sollte ich eine Weile bleiben.

Foto: Petra Bork / pixelio.de

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Ups!

ups

 

Sonnenschirme, Wind, UPS und andere Widrigkeiten…

Wir wohnen in einer ziemlich windigen Gegend. Nein, kein sozialer Brennpunkt oder Ähnliches! Bei uns hinterm Deich weht einfach häufig mal ein kräftiger Wind. Kein Problem für Frau, Hund und mich, für einen Sonnenschirm schon eher.

Den ersten Sonnenschirm, den wir aus einer weniger „frischen“ Gegend mitgebracht hatten, durften wir schon bald verabschieden, aber das hat uns nicht weiter irritiert. Er war halt etwas schwächlich. Der zweite seiner Gattung, war dann folgerichtig größer und stabiler, sehr viel stabiler. So stabil, dass er bei kräftigem Wind auch schon mal die Bodenplatten der Terrasse, an denen ich seinen Fuß festgedübelt hatte, anheben konnte. Immerhin, er hat eine Menge ausgehalten. Leider hatte er eine Schwachstelle, die der Wind irgendwann gefunden hat. Das Kunststoffgelenk, an dem die große Ampel aufgehängt war, entschloss sich eines Tages, dem Drängen des Windes nachzugeben. Ende der Vorstellung!

Dies Kunststoffgelenk hatte sich ohnehin von Anfang an als feindlich gesinnt erwiesen. Wann immer wir den Sonnenschirm so ausgerichtet hatten, dass ausreichend Schatten auf die Garten- und Liegestühle fiel, gab es dem nächsten Windstoß durch freudiges Verwinden nach, um sich ein wenig zu drehen und uns den Schatten zu entziehen. Nun war es durch diese Verwinderei zerbrochen – das hatte es redlich verdient.

Der verständnisvolle Lieferant tauschte den Schirm alsbald gegen ein neues Exemplar aus und unseren Ruhestunden auf der sonnigen Terrasse stand nichts mehr im Weg.

Nichts mehr? Nun ja, das stimmt nicht ganz. Der festgedübelte Fuß begann alsbald wieder munter, die Steine anzuheben. Das konnte nicht so bleiben. Also musste Abhilfe her. Etwas Beton, längere Dübel und vier schwere Betonplatten, um den Fuß von oben zu beschweren, zeigten sich als geeignete Lösung.

Leider trat jetzt ein weiterer Schwachpunkt der Schirmkonstruktion in Erscheinung. Der Metallpfahl, an dem die Schirmampel aufgehängt wird, weitet sich am unteren Ende zu einer Platte aus, die mit vier Schrauben an dem Fuß befestigt wird. Diese Platte mochte nun die ganze Kraft des Windes nicht mehr aushalten. Sie begann sich zu verformen, so dass der Sonnenschirm immer mehr in eine seltsame Schräglage geriet.

Kein wirkliches Problem, denn die Schlosserei im Ort fertigte uns einen dicken Verstärkungsring aus kräftigem Stahl, der diesem Hang des Schirmes sich dem geraden, aufrechten Stand zu verweigern, ein Ende setzte. Unsere Probleme mit dem Sonnenschirm schienen nun endgültig beseitigt zu sein.

Schienen – dies Wort lässt Sie sicher schon ahnen, dass unsere Probleme nur scheinbar gelöst waren.

Irgendwann, recht bald, meldete sich das bereits erwähnte Kunststoffgelenk wieder zu Wort. Also eigentlich war es gar kein Wort, mit dem sich das Gelenk äußerte, es war mehr so eine Art Geräusch. Das klang ungefähr wie Kkkrrrrch…
Der freundliche Lieferant erklärte sich bereit, auch diesen Schirm umzutauschen und schickte uns zügig einen neuen, dritten Schirm. Unser Glück schien fast vollkommen, aber nun trat UPS in unser Leben. UPS, nicht zu verwechseln mit dem Ausruf „Ups!“ ist der bevorzugte Paketdienst unseres Lieferanten, unsere Lieblingsdienstleister in diesem Bereich ist er sicher nicht.

Eine Zeit lang war es ganz schön schwierig, in den Besitz der für uns gedachten Pakete zu gelangen. Warum? Nun um das nachvollziehen zu können, muss man wissen, dass unser Haus so ca. 80 m von der Einfahrt entfernt, im Inneren des Grundstücks liegt. Den Garten hinter unserem Haus haben wir eingezäunt, um unserem Hund die Jagd auf Rehe, Hasen oder Nachbarskatzen zu erschweren, aber von vorn ist das Grundstück ungehindert zu betreten oder zu befahren. So dachten wir jedenfalls.

Der UPS Auslieferungsfahrer sah das ganz anders. Ihn störte der Aufkleber an unserem Briefkasten neben der Grundstückseinfahrt und hinderte ihn, unser Grundstück zu betreten. Dieser Aufkleber zeigte einfach nur das freundliche Gesicht unseres Hundes, aber das löste bei dem – ansonsten sehr netten und umgänglichen Fahrer – geradezu Panikanfälle aus.

Stellen Sie sich vor, sie sitzen bei Sonnenschein auf der Terrasse hinter ihrem Haus, aus dem Tablet ertönt leise Musik, sie dösen so vor sich hin und genießen die Schönheit der Gegend und des Lebens schlechthin. Wenn dann ungefähr 100 Meter entfernt ein UPS Lieferwagen auf der Straße anhält und der Fahrer aus dem Fenster in Richtung Haus ruft: Hallo, ein Paket für Sie!“, liegt ihre Chance, diese leisen, ängstlichen Rufe zu hören, ungefähr bei Null. Deshalb bekommen sie ihr Paket dann eben nicht, sondern nur ein Kärtchen, vom Auslieferungsfahrer durch das geöffnete Seitenfenster seines Fahrzeugs hastig in den Briefkasten geschoben. Auf diesem Kärtchen steht, wo und wann Sie ihr Paket abholen können. Immerhin!

Nach mehreren solcher Zustellungsversuche (so nennt sich dies Verhalten auf den Benachrichtigungskärtchen), habe ich den Fahrer dann mal erwischt. Er war gerade ein Stückchen in unsere Einfahrt hineingefahren, um sein Fahrzeug zu wenden, als ich ihn entdeckte und hastig zu ihm hinlief.

„Wollen Sie unser Paket nicht vielleicht doch hierlassen?“ fragte ich ihn freundlich lächelnd.
„Ich habe gerufen, das tue ich immer!“ war seine trotzige Antwort.
„Und Sie glauben,“ fragte ich den Fahrer, ausgesucht freundlich säuselnd, „das kann man 100 Meter weiter, hinter dem Haus hören?“
Der kräftig gebaute, braungebrannte junge Mann sackte ein wenig zusammen und murmelte dann kleinlaut: „Ich kann doch nichts dafür, wenn Sie so einen Monsterhund haben.“
„Der ist noch ganz jung, verspielt und freundlich!“ entgegnete ich etwas säuerlich.
„Das sagen sie alle!“ protestierte mein tapferer Fahrer, „und dann, zack, ist die halbe Wade weg.“

Das brachte mich zum Lachen und schon halbwegs versöhnt mit diesem tapferen Recken, der seine Angst nun offen zugab, deutete ich auf die Durchgänge links und rechts neben dem Haus.
„Wie Sie sehen, ist doch alles eingezäunt, es besteht also gar keine Gefahr für Leib und Leben.“
Der Fahrer hob zweifelnd die Hand: „Weiß ich, wie hoch der springen kann? Auch wenn er noch jung ist, so ist er doch jetzt schon fast so groß wie ein Kalb.“

Nach diesem erheiternden Austausch bekam ich unser Paket und der jugendlich forsch fahrende Bote zog seines Weges. Danach übernahm übrigens ein anderer Fahrer diese Auslieferungstour. Der war weitaus cleverer! Er hinterlegte das Benachrichtigungs-kärtchen gleich beim Nachbarn, 50 Meter vor unserer Grundstückseinfahrt, so dass wir ihn nie zu Gesicht bekamen.
Aber das alles nur nebenbei! Den dritten Sonnenschirm lieferte ein gesetzterer, offenbar altgedienter, erfahrener UPS’ler, über den nichts Nachteiliges zu vermerken ist.

Das eigentliche Problem will ich, nach dieser langen Vorgeschichte, nun endlich auch noch erwähnen.

Der Lieferant unseres Sonnenschirmes wollte selbstverständlich den kaputten Schirm zurück, um den Schaden seinerseits beim Hersteller geltend zu machen. Beim ersten Umtausch war das kein Problem, da hatte ich die Verpackung des ersten Schirmes noch. Gleich nach dem Abbau hatte ich den Schirm und all seine Bestandteile wieder in der Verpackung verstaut und so konnte ich dem UPS Fahrer diesen – gleich bei der Lieferung des Ersatzschirmes – wieder mitgeben.

Diesmal hatte ich jedoch die Verpackung einige Monate nach der Lieferung entsorgt (wer hebt schon gern einen 2,40 langen Karton für immer und ewig in seinem Keller auf?).

Der clevere Lieferant hatte eine Lösung. Er schlug vor, dass ich den kaputten Schirm doch einfach in den Karton des neuen Schirmes packen solle und zum Behuf der Rücksendung hatte er gleich einen Rücksendeaufkleber per Mail geschickt. Das schien – auf den ersten Blick – der perfekte Weg, um diesen Umtausch abzuwickeln. Das Einzige, was nun noch zu tun blieb, war mit UPS eine Abholung zu vereinbaren.

Montagvormittag, gegen 10 Uhr, setzte ich mich also an meinen Computer, um online bei UPS die Abholung des Paketes zu beantragen. Zunächst einmal beantwortete ich die Frage, ob ich einen Versandaufkleber mein Eigen nenne, freudestrahlend mit einem Klick auf „Ja“.

Daraufhin öffnete sich ein Fenster (kann ein Fenster unsäglich sein?), in das ich die Kontrollnummern eintragen sollte. Ich begann mit der ersten, im Großdruck hervorstechenden Nummer. Daraufhin erschien die Meldung, ich solle diese Nummer korrigieren. Ich trug also die nächste, auf dem Etikett lesbare Nummer ein, was mir vom Programm damit quittiert wurde, dass sich ein weiteres Fensterchen mit einer Zeile für noch eine Nummer öffnete. Was auch immer ich versuchte, egal, welche Nummern ich in welcher Reihenfolge versuchte einzutragen, es blieb der Hinweis, ich solle die Kontrollnummern korrigieren. Entnervt klickte ich schließlich auf das Feld „Weiter“, woraufhin mir angekündigt wurde, das Paket würde am selbigen Montag um 8:00 Uhr abgeholt. Nach einem raschen Blick auf meine Uhr – sie zeigte mittlerweile 10:30 Uhr – verwarf ich dies Ansinnen, schloss die UPS Seite und öffnete sie dann noch einmal neu, um von vorn zu beginnen.

Der Kampf mit Fenstern, Kontrollnummern und Korrekturhinweisen zog sich erneut eine halbe Stunde lang hin, bis ich schließlich die Meldung erhielt, am Dienstag, dem folgenden Tag, ab 8:00 Uhr sei mit der Abholung zu rechnen.

Sie ahnen es schon, heute, am Mittwochnachmittag, steht der Schirm immer noch hier. Kein UPS Fahrer hat sich blicken lassen, kein verschämtes Kärtchen lag in unserem Briefkasten und die von UPS angekündigte SMS mit der genauen Abholzeit ist auch nicht eingetroffen.

Was blieb mir also anderes, als mein Glück telefonisch zu versuchen? Bei einem Gespräch von Mensch zu Mensch lassen sich Dinge ja mitunter viel leichter regeln, als in dem diffizilen Beziehungsgeflecht zwischen Mensch und Onlineformular.

Für meinen ersten Versuch hatte ich die, von UPS per SMS Kontakt am Vortag vorgeschlagene 0800..ter Telefonnummer auserkoren. Die ist immerhin kostenlos und war deshalb natürlich meine erste Wahl. Zu meiner Enttäuschung war jedoch eine Ansage zu hören, in der mir mitgeteilt wurde, dass diese Nummer für den technischen Support nicht mehr aktiv sei, was mich etwas erstaunte. Sie mir doch am Tag zuvor von selbigen Unternehmen empfohlen worden.

Stattdessen sollte ich nun eine Nummer mit der Vorwahl 06966… anrufen. Schnell legte ich den Hörer beiseite, um einen Zettel und einen Stift hervorzukramen. Utensilien, die man im Zeitalter der elektronischen Kommunikation ja nicht mehr immer und sofort bei der Hand hat. Als ich den Hörer wieder aufhob, hörte ich gerade noch, wie eine andere, seltsam gepresst klingende Stimme sich auf Englisch verabschiedete. Beim zweiten Versuch konnte ich dann die Nummer notieren und rief gleich freudig erregt an.

Eine Computerstimme meldete sich und befahl mir, wenn ich Fragen zur Installation der UPS App habe, die „Eins“ zu drücken und bei Fragen zu UPS allgemein oder zu einer Abholung, etc. die „Zwei“. Ich drückte also die Zwei und wurde nun aufgefordert, mein Anliegen zu benennen. ‚Kluge Maschine‘ dachte ich so bei mir und sagte dann laut und deutlich „Abholung“!

Nach einer Pause empfahl mir die Computerstimme, in dieser Sache die kostenpflichtige Nummer 01806… anzurufen.

Meine Gedanken bekamen langsam eine rötliche Färbung. Glücklicherweise hatten Zettel und Stift ja bereitgelegen und die Nummer war nun für den nächsten Versuch vor meinen Augen. Nach dem Wählen erklärte mir eine andere Computer- oder Bandstimme zunächst, dass dieser gesamte Anruf, auch wenn es zwischendurch zu Wartezeiten käme, nur 20 Cent kosten würde. Ich stellte mich innerlich schon auf eine längere Wartezeit ein, hörte dann aber zum Abschluss der Ansage mit Beruhigung, dass die Wartezeit nicht länger als maximal 3 Minuten dauern könne.

Dann kam der Computer zur Sache: „Welches Anliegen haben Sie?“ fragte er und zählte danach die vorgegebenen Möglichkeiten auf. Das kannte ich nun schon sagte an der passenden Stelle laut und kräftig: „Abholauftrag!“.

Der Computer schwieg. Nach einer gefühlten Ewigkeit sagte die Computerstimme – ich könnte schwören, mit einem spöttischen Unterton – „Bitte geben Sie ihre Telefonnummer an und beginnen sie mit der kompletten Vorwahl.“ Da ich mich sehr selten selbst anrufe, konnte ich meine Festnetznummer nicht hersagen und mir entfuhr ein leises, unterdrücktes „Scheisse“.

„Ich konnte sie nicht verstehen, bitte wiederholen sie laut und deutlich ihre Telefonnummer und beginnen Sie mit der Vorwahl.“

Meine Gedanken verfärbten sich in Richtung dunkelrot und ich griff nach meinem Handy, um die gespeicherte Festnetznummer im Telefonbuch nachzuschauen.

Plötzlich begann der Rauchmelder in unserem Arbeitszimmer ohrenbetäubend zu schrillen. Das Telefon fiel mir aus der Hand, während ich erschrocken und entsetzt aufsprang und verzweifelte Blicke zur Wand warf, von wo kurz unter der Zimmerdecke der terroristische Angriff auf mein Gehör stattfand. Nachdem ich auf meinen Stuhl geklettert war, den Rauchmelder abgenommen und mit einer neuen Batterie versehen hatte, nahm ich den Telefonhörer wieder zur Hand.

Der Computer hatte zwischenzeitlich die Verbindung beendet. Computer sind eben auch nur begrenzt geduldig.

Wissen Sie was? Ich habe mich mittlerweile ein wenig beruhigt und bin jetzt bereit, einen prima Sonnenschirm, dunkelgrün, 3,80 Meter Durchmesser mit einem kleinen Defekt an der Ampelbefestigung zu verschenken. Sie brauchen ihn nur hier abzuholen.

Das Leben ist eine ziemlich mittelmäßige Veranstaltung

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Ich traf ihn an der Erfrischungstheke im Foyer des Theaters. Die Pause hatte gerade begonnen und die Zufuhr kühler Flüssigkeit schien mir der geeignete Pausenfüller zu sein. Während ich meine große Apfelschorle bezahlte, nahm er neben mir sein kaltes Bier in Empfang, setzte das Glas an den Mund und trank es in einem Zug leer. Er setzte das Glas auf die Theke, rief laut: „Noch eins, bitte!“ und suchte in seiner Hosentasche nach einem weiteren Geldschein. Ein Teil des Wechselgeldes, das er zuvor achtlos in die Tasche geschoben hatte, fiel dabei zu Boden.

„Fuck!“ rief er laut und beugte sich hinunter, um die Geldstücke wieder einzusammeln. Hilfsbereit bückte ich mich, um ihm beim Einsammeln des Kleingeldes zu helfen, was ihn dazu veranlasste, sich wieder aufzurichten und sein frisch gefülltes Bierglas an die Lippen zu setzen. Dabei sah er zu mir herunter und murmelte: „Wenn du alles gefunden hast, stecks ein.“

Ich richtete mich auf, sah ihn ein wenig irritiert an und stecke dann die Münzen in meine Tasche. „Danke,“ sagte ich grinsend, „wenn du mal wieder Geld loswerden willst, steh ich gern zur Verfügung.“

Zum ersten Mal wandte er sich ganz zu mir, um mich eingehend zu mustern. „Wohl ‚nen Clown gefrühstückt?“ fragte er mit ernstem Blick, um mir dann lachend auf die Schulter zu klopfen. „Du bist richtig! Immer alles mit Humor nehmen, was das Scheißleben anbietet.“

Mittlerweile war die Pause vorüber. Links und rechts von uns begannen die Besucher eilig wieder in den Saal zu strömen, um rechtzeitig ihre Plätze einzunehmen. Ich hob die Hand zu einem kurzen Gruß und wollte mich ebenfalls auf den Weg zu meinem Platz machen. Nach ein paar Schritten sah ich mich noch einmal um und bemerkte, dass mein seltsamer Trinknachbar an der Theke stehengeblieben war. Ein wenig zusammengesackt machte er den Eindruck eines einsamen, ein wenig verlorenen Menschen. Zögernd verlangsamte ich meine Schritte. Im Grunde war diese Theatervorstellung recht langweilig und so überlegte ich, ob es nicht viel interessanter sein könne, diesem seltsamen Mann ein wenig Gesellschaft zu leisten. Nach ein paar Schritten zurück, nahm ich meinen Platz neben ihm an der Theke wieder ein.

Er neigte seinen Kopf zur Seite, um mich mit einem kurzen, etwas schrägen Blick zu bedenken. Dann blickte er wieder in sein mittlerweile geleertes Bierglas und murmelte: „Ist dir also auch aufgefallen, dass diese Inszenierung nicht sehr prickelnd ist? Mittelmaß! Heute ist alles nur noch Mittelmaß. Selbst das Leben ist eine sehr mittelmäßige Veranstaltung, zumindest im Durchschnitt.“

Ich gab der Bedienung hinter der Theke ein Zeichen, um ebenfalls ein Bier zu bekommen. „Wir schließen die Erfrischungstheke jetzt!“ rief sie mit einem Ausdruck des Bedauerns im professionell gleichmäßig freundlichen Gesicht. Das weckte meinen Trinknachbarn aus seiner trübsinnigen Nachdenklichkeit. Er hob den Kopf, ließ seinen Blick über die Regale hinter der Theke gleiten und sagte dann mit Bestimmtheit: „Dann geben Sie uns doch bitte eine Flasche von dem Bourbon, zwei Gläser und einen Kübel Eis. Wir stellen uns dort drüben an einen Stehtisch.“ Während dessen hatte er aus der Innentasche seines Jacketts eine Brieftasche gezückt, öffnete sie und zog eine Kreditkarte heraus, um sie vor der verdutzten Bedienung auf den Tresen zu knallen.

Nach einer kurzen Rücksprache mit einem wichtig dreinschauenden Mann, offenbar dem Geschäftsführer, nickte die Dame uns lächelnd zu. Wir zogen derweil an den nächstgelegenen Stehtisch um und kurz darauf standen auch schon die Flasche, nebst Gläsern, einem Kübel Eiswürfel und einer Schale Erdnüsse vor uns auf dem Tisch.

Mein Trinknachbar schenkte in beide Gläser reichlich ein und hob das eine dann feierlich in die Höhe. „Ich heiße Cornelius! Lassen wir‘s gemächlich angehen oder auf die harte Tour?“
„Gert!“ antwortete ich, nahm mein Glas und füllte ein paar zusätzliche Eiswürfel ein. „Mein Tempo ist heute eher gemächlich. Prost Cornelius.“

Der nahm einen kleinen Schluck aus seinem Glas und ließ den Whiskey genüsslich über die Zunge rollen. Er setzte sein Glas ab, fischte ein paar Nüsse aus der Schale und fragte, während er gleichzeitig mit Hingabe die Nüsse zermalmte: „Schätze, du bist ebenfalls geschieden, sonst wärst du wohl nicht allein hier?“

Nun bin ich nicht geneigt, mir völlig fremden Menschen gleich in den ersten Minuten unserer Bekanntschaft Details aus meinem Privatleben anzuvertrauen und entgegnete deshalb vorsichtig: „Wie mans nimmt.“ Cornelius grinste breit. „Tja, das ist wohl die richtige Umschreibung für Partnerschaft und Ehe, man ist gerade geschieden oder bald oder mehrmals. Goldene Hochzeiten, das war früher. Heute pendelt man zwischen Freiheit und Handschellen. Man kann nicht ohne, aber auf Dauer auch nicht mit.“

„Na, na, es gibt aber auch schöne Momente, voller Harmonie und Liebe.“ entgegnete ich ein wenig lahm.

„Das klingt aber nicht sehr überzeugend?“

„Nun ja, Partnerschaften sind genau wie das Leben allgemein. Es gibt Aufs und Abs, Höhen und Tiefen, Zeiten voller gemeinsamer Freuden und eben auch Zeiten des gemeinsamen Ärgers.“

„Sag ich doch!“ rief mein Trinkgenosse! „Und wenn du das alles mal gegeneinander aufrechnest, ist die Liebe eine ziemlich mittelmäßige Veranstaltung. Das kennzeichnet doch unser ganzes Leben. Nimm nur den Beruf. Du brauchst lange Zeit und musst viel einstecken, um nach oben zu kommen, aber dort oben beginnt auch schon wieder der Abstieg. Aufs Abstellgleis, in die Bedeutungslosigkeit oder ganz krass in den Abgrund. Wenn es einer schafft, über längere Zeit oben zu bleiben, dann ist das mit Kampf und Krampf verbunden. Am Ende ist er zermürbt und geht selbst oder er wird schließlich doch gegangen.“

Nach einer längeren Pause, in der wir uns intensiv mit dem Whiskey beschäftigten, knüpfte ich an seinem letzten Satz wieder an: „Ich weiß nicht, ob man das verallgemeinern kann und ob es wirklich jedem so geht, aber für mich klingt das so, als habe es zumindest in deinem Leben eine Menge Höhen und Tiefen gegeben.“

„Das kannst du wohl sagen!“ rief Cornelius bitter. „Es gab von beidem reichlich und manchmal denke ich, ein einfaches, ruhiges kleines Leben, so ganz ohne Höhen, dafür aber auch ohne Abstürze, wäre weit besser gewesen.“

„Das hört sich so an, als sei dein Leben schon zu Ende.“ versuchte ich zu scherzen. „Im englischen Sprachraum sagt man ganz treffend, where there‘s life, there‘s hope. Wo Leben ist oder besser gesagt, wo noch Leben ist, da gibt es auch noch Hoffnung.“

Mein Whiskeyfreund richtete sich auf: „Das ist es ja! Die Hoffnung ist eine große Betrügerin, die größte, möchte ich meinen. Nach jedem Scheitern gaukelt sie dir vor, dass es sich lohne, noch einmal neu zu beginnen. Und dann gibt es auch noch diese schwachsinnigen Hoffnungspropheten, die dir verkünden, in jeder Niederlage läge auch eine große Chance für einen erfolgreichen Neubeginn. Alles Blödsinn!“

Nun war es an mir aufzubegehren: „Ja können wir denn ohne Hoffnung überhaupt leben?“ rief ich erregt. „Ist es im Grunde nicht die Hoffnung allein, die uns hilft alle Widrigkeiten wegzustecken, nach vorn zu schauen und so letzten Endes auch das Leben weiterzutragen?“

Einen Moment lang schwieg mein Whiskeyfreund. Ich knüpfte an sein Schweigen die Erwartung, er habe sich ein wenig beruhigt und sähe vielleicht ein, dass die Hoffnung im Leben des Menschen eine absolut unverzichtbare Kraft ist, ohne die es keine Entwicklung, keinen Fortschritt und keine Zukunft gäbe. Ich hatte mich gründlich geirrt!

„Bullshit!“ rief er einigermaßen erbost. „Das Leben weitertragen, was für eine hochtrabende Formulierung. Ist das menschliche Leben denn etwas, was unbedingt weitergetragen werden sollte?
Warum hast du dich entschieden, hier mit mir zu trinken, anstatt dir drinnen in Ruhe den zweiten Teil der Vorstellung anzuschauen? Ich kann dir sagen warum! Weil du festgestellt hast, dass es nicht lohnt, dir eine durch und durch mittelmäßige, enttäuschende Vorstellung komplett anzutun. Du hast die Alternative gewählt, die darin bestand, mit mir hier Whiskey zu trinken und dich mit mir zu unterhalten. Eine kluge Entscheidung, will ich meinen. Du wirst vielleicht sagen, das sei doch gar nicht vergleichbar, denn zum Leben gäbe es nun mal keine Alternative.“

Ich nickte zustimmend und wollte schon antworten, als er, jetzt wieder halbwegs beruhigt, weitersprach.

„Wer sagt dir das? Wie kommst du darauf, dass es zum Leben keine Alternative gäbe? Immerhin gibt es den Tod, als ultimative frei wählbare Alternative, die zudem den Vorteil hat, dass sie dich ohnehin früher oder später ereilt. Weder du noch ich wissen, wie es ist tot zu sein. Was lässt uns vermuten, dass es so viel schrecklicher wäre als zu leben? Ob deine nächste Beziehung, dein neuer Wohnort oder dein neuer Job besser oder nicht vielleicht noch viel schrecklicher sein werden als die Vorangegangenen, das weißt du ebensowenig.“

Seine letzten Sätze machten mich nun sehr nachdenklich. Innerlich musste ich ihm zustimmen. Es gibt im Leben für nichts eine Garantie.

Wir bemühten uns in der nächsten halben Stunde die Bourbonflasche zu leeren und während drinnen im Saal irgendwann der Schlussapplaus verhalten einsetzte, verabschiedeten wir uns mit einem freundschaftlichen Händedruck. Gedankenverloren machte ich mich auf den Weg zum Parkhaus. Schon am Eingang überlegte ich es mir dann anders. Nach dieser intensiven Bourbonverkostung, schien es mir dann doch angebrachter, die nächste Bushaltestelle anzusteuern.

Es war nasskalt und ungemütlich, aber im beheizten Bus würde ich doch wenigstens die Gelegenheit haben, noch ein wenig ungestört meinen Gedanken nachzuhängen. Konnte man das Leben so kompromisslos be- und verurteilen, wie mein Trinknachbar das zu tun schien? Wäre es nicht sogar logisch und sinnvoll, an einem bestimmten Punkt die Konsequenzen zu ziehen und einfach zu sagen, gut, das wars?

Seine Einstellung schien mir nicht ganz unlogisch zu sein, andererseits allerdings sehr theoretisch. Er lebte ja auch. Immer noch und immer weiter.
Wie auch immer, es war eine durchaus interessante Unterhaltung und allemal sinnvoller als dies Theaterstück bis zum Ende zu ertragen. Kurz bevor der Bus meine Haltestelle erreichte, erhob ich mich, um schon einmal zum Ausstieg zu gehen. Auf dem Weg durch die Sitzreihen fiel mein Blick auf ein Paar in mittlerem Alter. Er, ganz Gentlemen, hatte ihr seinen Mantel um die Schultern gelegt und sie ihren Kopf vertrauensvoll auf seinen Oberarm gelegt. Die Augen geschlossen und ein leichtes, feines Lächeln im Gesicht.

Ja, dachte ich, das Leben kann schön sein. Ich liebe das Leben. Trotz allem und selbst wenn es im Durchschnitt und unter dem Strich auch nur eine ziemlich mittelmäßige Veranstaltung gewesen sein wird.

 

Foto: Rainer Sturm  / pixelio.de

Sommerfantasien

CIMG0043 Heute ist Sommeranfang. Ein rascher Blick aus dem Fenster zeigt ganz klar: Er hat sich verspätet, der Sommer! Ich erwarte ihn so sehnsüchtig, träume von ihm, bin voller Vorfreude, aber er, er lässt auf sich warten. Die Gegend ringsumher lädt zu ausgiebigen Spaziergängen ein, das Meer ist nicht weit, aber richtige Freude will einfach nicht aufkommen, wenn ich die Hände tief in den Jackentaschen verbergen muss. Eine Wind- und Regenjacke, die gehört nun mal nicht zum Sommer – jedenfalls nicht für mich, oder doch wenigstens nicht jeden Tag.

Keine andere Jahreszeit wurde wohl so oft in den höchsten Tönen besungen, mit so vielen Gedichten und Geschichten bedacht. Allenfalls der Frühling kann eine annähernd hohe Zahl an romantisch verklärten Lobeshymnen aufweisen. Der Sommer ist meine Zeit, auch wenn er meist zu kurz ist und nach meinem Empfinden immer zu wenig Sonnentage hat. Ich weiß, jetzt werden mir einige gleich wieder das Lied von den Gärten und den Feldern singen, die doch so dringend das Wasser brauchen, aber mal ehrlich, ein wenig mehr Ordnung dürfte ja ruhig sein, bei den Regentagen!

Schön wäre doch, wenn es immer nur Montags regnen würde. Oder meinetwegen Montags und Donnerstags, zum Beispiel. Darauf könnte man sich einrichten und den Montag braucht doch ohnehin kein Mensch wirklich. Ich erinnere mich genau, im letzten Jahr fand der Sommer am Dienstag und Mittwoch statt. Stellen sie sich vor, es würde an einem dieser Tage oder gar an beiden auch noch regnen. Eine vernünftige Sommerregenordnung wäre wirklich angebracht. Aber ich will ja nicht gleich das Schlimmste an die Wand malen. Hoffen wir einfach mal, dass der Sommer, wenn auch mit Verspätung, so aber doch warm, trocken und ausgiebig daher kommt.

Was kann man alles unternehmen, an einem schönen, warmen Sommertag?! Nun gut, zugegeben, so häufig wie in jungen Jahren zieht es mich nicht mehr ins Freibad. Aber im Straßencafé sitzen, einen Pastis mit Eiswasser vor mir, oder in einer Eisdiele eine große Portion Eis mit Sahne genießen, das sind doch auch beachtliche Sommerfreuden und wenn es sein muss, kann man dabei ja auch anderen beim Schwimmen zuschauen, Kindern oder Enkeln vielleicht! Oder einfach dabei die Segelboote auf dem Wasser bewundern, der Liebsten hin und wieder ein Lächeln zuwerfen oder einen zärtlichen Kuss einheimsen. Abends ein Freiluftkonzert am Wasser oder einfach eine Freiluft Theatervorstellung, das sind doch Dinge, die unbedingt zum Sommer gehören.

Man ist gut gelaunt, gibt gern ein reichliches Trinkgeld, fährt abends mit offenem Dach nach Haus oder macht einen Spaziergang in der milden, immer noch sommerwürzigen Abendluft. Zuhaus vielleicht noch ein kühler Drink zur Nacht und dann wirft man die Decken aus dem Bett, weil die warme Sommernacht und das verheißungsvolle Zwinkern der Liebsten versprechen, dass man sie in dieser Nacht nicht brauchen wird.

Beim Einschlafen dann, so Arm in Arm, glücklich und zufrieden, fühlt man sich fast wieder jung. Wenn er nur bald kommt, der Sommer! Am besten morgen schon!

Keine Gnade für Karim

800px-YoungstownFire Irgendwie hatten sie es geschafft, ihren Verfolgern zu entkommen. Durch kleine Nebenstraßen, in einem weiten Bogen durch öde Vororte, waren sie schließlich zur Wohnung seiner Eltern gelangt.

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Karim war gleichermaßen erschöpft und erleichtert, die relative Sicherheit dieses Hauses erreicht zu haben. Ob seine Frau, die beiden kleinen Jungen und er nun tatsächlich erst einmal in Sicherheit sein würden, das musste der nächste Morgen erweisen. Bei aller Vorsicht konnte er nicht ganz ausschließen, dass ihnen vielleicht doch jemand gefolgt war, sein Aufenthaltsort bekannt war und nun ebenfalls überwacht wurde.

Erschrocken hatten seine Eltern auf sein Klingeln reagiert und erst einmal vorsichtig durch einen Spalt im Vorhang für einen Moment die Straße beobachtet, bevor sie die Tür öffneten. „Man weiß ja heutzutage nie.“ hatte sein Vater entschuldigend gemurmelt, als sie sich an ihm vorbei in die Wohnung schoben. Ein wenig verlegen standen sie nun im Flur, frierend, zitternd und den Tränen nahe. Seine Mutter war es, die dann die einsetzende, lähmende Stille beendete und energisch sagte: „Kommt erst einmal in die Küche, ich mache euch einen heißen Tee. Hunger werdet ihr sicher auch haben, oder?“ Der Bann war gebrochen und die beiden Buben stürzten sich aufschluchzend in die Arme ihrer Großmutter. „ Sie haben Baba geschlagen und wollten uns mit dem Auto überfahren. Fast hätten sie uns gekriegt, Bibi.“ Tröstend legte die Großmutter ihre Arme um die beiden Jungen und wandte sich zu ihrem Sohn um. „Bist du verletzt?“ fragte sie besorgt und schaute ihm prüfend in die Augen. „Es ist nichts!“ stieß er hervor, „Nicht der Rede wert.“

Seine Mutter löste sich aus der Umarmung ihrer Enkel und füllte Wasser in den Teekessel. „Ich habe noch Reis, Hühnchen und etwas Suppe.“ rief sie ihrer Schwiegertochter zu, „Hilfst du mir dabei, das schnell aufzuwärmen?“ Die junge Frau nickte stumm und löste sich aus der Erstarrung, in der sie bisher im Durchgang zur Küche verharrt hatte.
Mit einer ärgerlichen Handbewegung wischte sie sich eine Träne von der Wange, ging zum Kühlschrank, öffnete mit einem Seufzer die Tür um einen Topf und zwei Schüsseln herauszunehmen. Die Reisschüssel glitt ihr aus den Händen und zerschellte mit einem Klirren auf dem Küchenboden. Erschrocken blieb sie stehen und brach in Tränen aus. „Ich verstehe das nicht!“ rief sie schluchzend, „Was haben die Menschen nur gegen uns? Werden wir denn niemals ganz in Ruhe und Frieden leben können? Was ist das für ein Leben, immer nur in Angst und Schrecken, Tage und Nächte von Furcht bestimmt. Ich will, nein ich kann nicht hierbleiben, wir müssen fort von hier. Meine Kinder haben ein Recht auf eine unbeschwerte Kindheit und Jugend, sie haben ihr ganzes Leben doch noch vor sich!“ Beschwichtigend legte ihr Mann den Arm um sie. „Wir können nicht unser ganzes Leben auf der Flucht sein.“ sagte er halb tröstend, halb zweifelnd zu ihr. „Überall wird irgendwem unsere Religion oder unsere Abstammung nicht gefallen. Wir werden überall unerwünscht sein, aber was können wir dagegen tun?“

Diese Frage war mehr an sich selbst gerichtet, als an seine Frau oder seine Eltern. Trotzdem brach sein Vater, der bisher kein Wort gesprochen hatte, sein Schweigen und antwortete mit sorgenvollem Gesicht: „Jetzt bleibt ihr jedenfalls erst einmal hier, obwohl wir alle auf Dauer hier nicht sicher sein werden. Wir werden gemeinsam in Ruhe überlegen müssen, ob wir dies Land verlassen sollten und wohin wir denn gehen könnten.“ Längerfristig werden wir natürlich nicht alle in dieser kleinen Wohnung bleiben können.“ Karim unterbrach den ungewöhnlich langen Redefluss seines sonst eher wortkargen Vaters: „Wir wollen euch nicht auch noch zusätzlich in Gefahr bringen, Baba!“ Sein Vater sah ihn lange schweigend an und stieß dann spöttisch hervor: „Die Gefahr geht doch nicht von euch aus, mein Sohn, sondern von denen, die uns weg haben wollen, denen wir ein Dorn im Auge sind. So wie die Dinge liegen ist keiner von uns mehr sicher.“

Nachdem sie gegessen hatten, bereitete Karims Mutter so gut es ging für sie alle ein provisorisches Nachtlager zu und erschöpft von der Aufregung des vergangenen Tages fielen sie bald in einen unruhigen Schlaf. Kaum eingeschlafen begann Karim den immer wiederkehrenden Traum zu durchleben, der ihn Nacht für Nacht heimsuchte. Er hörte die Stimmen der aufgebrachten Meute, die sich mit Fackeln und Messer bewaffnet um seine Hütte gescharrt hatten. „Hey Swahili, kommt raus! Wir wollen euch hier nicht, geht zurück in die Wüste, wo ihr hergekommen seid. Ihr habt hier nichts zu suchen! Dies ist Ruanda und es gehört uns! Verschwindet, ihr Schmarotzer, hier ist kein Platz für euch.“ Während Karim seiner Frau, die ängstlich ihre Arme um die Kinder gelegt hatte, beruhigend sein Hand auf den Mund legte und ihr mit einer Geste bedeutete, absolut still zu sein, begann das Klopfen und Hämmern an der Tür. „Kommt raus, ihr Ratten, oder sollen wir euch ausräuchern?“ Dieser hasserfüllte Schrei mündete in frenetisches Gejohle der Menge, begleitet von immer stärker werdenden Schlägen gegen die Tür und die Wände der Hütte. Karim deutete mit der Hand auf eine Stelle an der Rückwand der Hütte, an der die Holzbretter der Wand morsch und schon fast zerfallen waren. „Ihr zieht euch schnell etwas an,“ flüsterte er seiner Frau und den Buben zu, „wenn ihr soweit seid, breche ich durch diese Wand und wir versuchen so schnell wie möglich in Freie zu gelangen. Wenn wir draußen sind, lauft ihr so schnell ihr könnt auf den Dorfrand zu, dorthin, wo der kleine Bungalow der Afrika-Nothilfe steht. Da versuchen wir Schutz zu finden und vielleicht haben die Helfer dort eine Möglichkeit, uns morgen mit einem Fahrzeug von hier fort zu bringen.“
Karim schreckte aus seinem Alptraum hoch. Von dumpfen Hass erfüllte, gröhlende Stimmen drangen an sein Ohr, begleitet von einem Wummern, dass von Schlägen an die Wohnungstür herrührte. „Kommt raus ihr Affen, oder wir kommen rein und prügeln euch die Scheiße aus dem Leib!“ skandierten mehrere, offenbar von Alkohol angeheizte Männerstimmen im Treppenhaus. „Euch Schmarotzer will hier keiner, geht zurück in euren Dschungel und vergesst nicht euren Gebetsteppich mitzunehmen!“ Karim saß vor Schreck wie versteinert auf der Matratze neben dem Sofa, auf dem seine Frau und die Jungen geschlafen hatten und ihn nun hilfesuchend entsetzt anstarrten. Der Tumult im Treppenhaus hatte immer mehr zugenommen. Man hörte Klopfen und Schläge an weitere Türen. Angsterfüllte spitze Schreie durchbrachen den chaotischen Lärm im Haus. „Wir wollen hier keine Scheinasylanten, Sozialschmarotzer und Wirtschaftsflüchtlinge! brüllten raue Stimmen vor der Wohnungstür, begleitet vom Splittern und Krachen der Wohnungstür, die den Schlägen mit Knüppeln und heftigen Fußtritten nicht mehr standhalten konnte. Karim erhob sich und fuhr blitzschnell in seine Hose. Während er sich mit den Fingern durch die Haare fuhr, eilte er zur Tür. „Man muss doch mit ihnen reden können!“ rief er seiner Frau und den Eltern zu. „Das hier ist Deutschland, nicht Ruanda. Wir haben diesen Menschen ja nichts getan, wir nehmen ihnen nichts weg. Alles was wir wollen, ist doch nur in Frieden und Sicherheit unsere Kinder großziehen!“
Gerade als Karim die Tür öffnen wollte, um sich den wütenden Angreifern in den Weg zu stellen, gab die fast zerstörte Tür mit einem letzten Splittern nach. Karim sah noch, wie zwei flaschenähnliche Gegenstände durch die Türöffnung flogen, dann folgte eine Explosion und plötzlich stand alles in Flammen. ‚Diesmal wird es keine Rettung geben.‘, dachte Karim, während die Flammen um ihn herum sich ausbreiteten. Wie in Zeitlupe sah er seine Frau und seine beiden Buben auf dem Sofa brennend mit den Armen rudernd um Hilfe schreien, aber er konnte ihre Schreie nicht hören. Eine seltsame Stille herrschte um ihn, während er vergeblich versuchte, sich zu bewegen. Dann wurde es dunkel um ihn.

Am Morgen verkündete der Nachrichtensprecher im Radio mit sachlich emotionsloser Stimme: „In der Nacht ist es zum wiederholten Male zu ausländerfeindlichen Ausschreitungen gekommen. Nachdem eine offenbar alkoholisierte Meute mit Naziparolen und dem immer wiederkehrenden Ruf: ‚Ein Schuss ist nicht genug!‘, bewaffnet mit Baseballschlägern, Eisenstangen und Messern in den Straßen eine gnadenlose Hetzjagd auf einzelne farbige Passanten begonnen hatten, bei denen es sich in der Hauptsache um erst kürzlich eingetroffene Kriegsflüchtlinge aus verschiedenen Regionen Afrikas handelte, eskalierten diese Gewaltübergriffe schließlich. Eine Gruppe von Randalierern, Männer und Frauen verschiedenen Alters, drangen in das Asylbewerberwohnheim an der Nordstraße ein, in das sich zuvor einige der verfolgten Menschen geflüchtet hatten. Im Laufe der Übergriffe brach in dem Wohnheim ein Feuer aus, dem 12 Menschen, darunter 5 Kinder zum Opfer fielen. Die zuständige Ermittlungsbehörde und örtliche Brandsachverständige bemühen sich derzeit zu klären, wie es zu dem Brand kommen konnte. Das Wohnheim wurde durch das Feuer so stark beschädigt, dass es für längere Zeit nicht mehr bewohnbar sein wird.“

Foto: wikimedia commons

Traum und Wirklichkeit

710004_original_R_K_by_Uli Stoll Outdoor-Fotografie info@parknplay.de_pixelio.de.Schattenspiele Ich habe geträumt. Es war ein wilder Traum, da bin ich sicher. Ich kann mich nicht erinnern, wovon und was ich geträumt habe, aber ich weiß genau, dass es ein aufregender Traum gewesen sein muss.

Schweißnass bin ich morgens aufgewacht, die Haare zerwühlt, die Seele aufgewühlt. Mein Kopfkissen lag auf dem Boden neben dem Bett und mein Leselämpchen auf dem Nachttisch war umgestürzt.
Wenn ich nur wüsste, was ich geträumt habe. Was hat mich so aufgeregt? Oder angeregt? Oder erregt? Es muss faszinierend gewesen sein. Träume können so real sein, manchmal gar wirklicher als die Wirklichkeit.

Hatte ich im Traum einen Kampf zu bestehen? Habe ich ein Abenteuer erlebt, wurde verfolgt, gehetzt und bedrängt? Oder habe ich gar verfolgt, gejagt, gefangen, erlegt oder verschont?
War es ein Liebesabenteuer, völlige Hingabe, verausgabende Vereinigung? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, ich würde gerne weiter träumen. Vielleicht von der See, von Brandung Ebbe, Flut, Sturm und Ruhe vor dem Sturm. Von sonnendurchfluteten Lichtungen, schattigen Plätzen am Waldrand, von abendlichen Feuern, Morgentau auf saftigen Gräsern oder einem Lager auf duftenden Heuballen gleich neben leise schnaubenden Pferden.
Wenn ich mich doch nur erinnern könnte!

Vielleicht war es ein Traum, der von leisen Klängen durchzogen war? Von frischen, duftenden Laken, weichen Kissen, sanften Umarmungen und geflüsterten Liebesschwüren? War es ein Traum von überbordendem Glück, mit einer endlosen Abfolge strahlender Sonnenaufgänge und der Glut ekstatischer Sonnenuntergänge?

Was ist wirklich? Der Traum in der Nacht, das helle Licht des Tages? Erinnerungen, Träume, Hoffnungen und Wünsche vermischen sich zu dem, was wir Leben nennen. Wann bin ich wach, wann träume ich? Träumt mich jemand? Ist meine Welt, bin ich erschaffen durch den nächtlichen Traum eines anderen? Ist meine Wirklichkeit in Wahrheit ein Traum, zu dem immer wiederkehrendes Erwachen gehört?

Vielleicht sind unsere Träume ein unbekanntes und faszinierendes, zweites Leben? Warum nur, kann ich mich nicht erinnern? Wenn am Abend die Dunkelheit heraufzieht, wenn in der Dämmerung Dinge, Menschen, Schatten und Illusionen sich vermischen zu dem Stoff, der neue Träume gebiert, dann werde ich bereit sein.

Foto:Uli Stoll /pixelio.de

Mary Poppins im Nachtbus

Mein_Fernbus_Ulm_Foto_Verena-Brandt1 Als ich um 1:00 Uhr nachts in Karlsruhe in den Nachtbus nach Hannover steige, sind fast alle Plätze schon besetzt. Etwas ungewöhnlich, denn nach meinen bisherigen Erfahrungen mit dieser Nachtlinie, sollte damit zu rechnen sein, dass eine komplette freie Sitzbank für mein Schläfchen auf mich wartet. Nun gut, ein einzelner Sitz, nach hinten in die Schräglage gebracht, tut es auch. Richtige Müdigkeit fragt nicht nach Bequemlichkeit.

In der gegenüberliegenden Sitzreihe hat sich ein undefinierbares Bündel Mensch zusammengerollt und mit einer Daunenjacke zugedeckt. Ein hochgestecktes Haarbüschel lässt darauf schließen, dass es sich um eine jüngere Frau handelt. Die mag ich nicht wecken, deshalb quetsche ich mich an den Fensterplatz neben einem lächelnden Riesen, der mir schon in Stuttgart aufgefallen ist.

Bequem aber sorgfältig gekleidet stand er neben mir an der Haltestelle im Busbahnhof  Zuffenhausen, wo ich auf den Abendbus nach Karlsruhe wartete. Hoch aufgerichtet schaute er aus seiner luftigen Höhe von sicher reichlich über zwei Metern lächelnd auf mich herab. „Sie fahren auch nach Hannover?“ fragte er mich freundlich und deutete auf den Anhänger an meiner Reisetasche. Hannover ZOB war dort deutlich als Reiseziel angegeben und deshalb irritierte mich seine Frage ein wenig. Ich nickte fragend und er erklärte: „Ich kenne mich nicht aus, sagen Sie mir Bescheid, wenn unser Bus kommt?“ Ich lächelte zurück und nickte freundlich. Sein offenes, markantes Gesicht mit einem 5 Tage Bart war offensichtlich auf Dauerlächeln eingestellt und mein freundliches Nicken veranlasste ihn nun, die Intensität seines Lächelns um ein bis zwei Stufen zu erhöhen. Als er sich seitlich abwandte, nahm ich die Gelegenheit wahr, ihn etwas eingehender zu mustern. Kein Zweifel, der Mann hat Stil! Gepflegte Kleidung, gepflegte Hände und sauber ausrasierte Bartkonturen ließen darauf schließen, dass er etwas auf sich hält. Wenn  nur diese bescheuerte weiße Baseballkappe nicht wäre. Dieses strahlend weiße Ungetüm von Kopfbedeckung, mit dem die USA sicher im Rahmen ihrer imperialistischen Bestrebungen den männlichen Teil der restlichen Welt auf ihr Niveau der Lächerlichkeit ziehen wollen, machte es mir schwer, den Träger eines solchen Verbrechens am guten Geschmack weiterhin ernst zu nehmen und die Sympathie des ersten Momentes aufrecht zu erhalten. Aber immerhin, sie gab dem lächelnden Riesen einen Anflug von Sportlichkeit und Dynamik.

Nun sitzen wir also nebeneinander und ich beobachte, wie sein Dauerlächeln langsam verlöscht. Er richtet es sich, soweit das bei dieser Körpergröße möglich ist, halbwegs bequem auf seinem Sitz ein und nimmt endlich diese Kappe ab. Einen kurzen Augenblick bin ich überrascht um dann mit Interesse zu beobachten, wie dieser sportlich dynamische Riese sich in einen zusammengekauerten, älteren glatzköpfigen Mann verwandelt. Seine Gesichtszüge haben den Anschein, als fielen sie regelrecht in sich zusammen, das markante Kinn sinkt ein wenig nach unten und mit dem letzten schwachen Versuch eines Lächelns schließt er die Augen um zu schlafen. Ich muss, so denke ich, während ich seine Verwandlung zur Kenntnis nehme, meine Einstellung zu dieser Art Kopfbedeckung vielleicht doch noch einmal überdenken. In diesem Fall scheint sie jedenfalls die Quelle für den äußeren Anschein von ein klein wenig mehr Kraft und Jugendlichkeit zu sein. Mag sein, dass dieser Effekt es wert ist, sich der Lächerlichkeit anheim zu geben.

Nach einigen Wachminuten, die ich nutze, um meine Mitreisenden eingehend zu mustern, schlafe auch ich ein. Als ich wieder wach werde, ist es schon hell und die Leuchtziffern der Uhr vorne im Bus zeigen an, dass es bereits 6:00 Uhr ist. Das undefinierbare, zusammengerollte Bündel Mensch in der Sitzreihe auf der anderen Seite des Mittelganges, muss auch gerade aufgewacht sein und entfaltet sich zu einer schwarzhaarigen, hübschen jungen Frau die ich auf 25 – 30 Jahre schätze. Sie gehört offenbar zu  den Menschen, die in der Lage sind, ihre kleine Welt hermetisch gegen alle äußeren Einflüsse abzuschotten. Nicht die leiseste Regung zeigt sich in ihrem Gesicht, aus der man schließen könnte, dass die Menschen und Umstände um sie herum ihr Bewusstsein erreichen. Langsam und sorgfältig faltet sie ihre Daunenjacke zu einem kleinen Paket zusammen, dass sie auf dem freien Platz neben sich wie eine Art Tischchen drapiert. Vom Boden hebt sie einen Stoffbeutel auf, so einen Leinenbeutel normaler Größe, der oben mit einem Kordelzug verschlossen ist, wie die Turnbeutel meiner Jugend es waren. Sie legt ihn auf ihre Knie und öffnet ihn langsam. Ihre Hand taucht hinein in die geheimnisvolle Tiefe des Behältnisses und ihre Finger suchen einen Moment lang nach einem offenbar kleineren Gegenstand am Boden des Beutels. Dann bringt sie eine Rolle Mentos Pfefferminzkaubonbons zum Vorschein und schiebt sich bedächtig zwei dieser Drops in den Mund. Die Rolle verschwindet wieder im Beutel und ihre Hand bringt gleich darauf eine Haarbürste und einen Spiegel zum Vorschein.

Sorgfältig und mit voller Hingabe beginnt die junge Frau sich zurechtzumachen. Die Haare werden ausgiebig gebürstet und gleich anschließend die Haarbürste gegen eine große Packung feuchte Tücher ausgetauscht. Emsig und anscheinend sehr routiniert tun ihre Hände ihr morgendliches Werk. Mit mehreren feuchten Tüchern werden Gesicht, Hals, Ohren und Hände sorgfältig gereinigt. Die Tücher verschwinden in den Tiefen des Beutels und Cremetube, Puderdose, Lippenstift, Augenbrauenstift und andere Kosmetikutensilien werden auf dem Jackentischchen ausgebreitet. Während sie ihr Gesichts Make-up vollendet kann ich nicht umhin, der jungen Frau Stil zu bescheinigen. Ganz perfekt und dennoch sehr dezent betont sie mit dem Make-up die Eigenheiten ihres Gesichts. Ein abschließender, prüfender Blick in den ziemlich großen Spiegel, der mittels eines ausklappbaren Ständers auf ihren Kien Platz gefunden hat, fällt offenbar zu ihrer Zufriedenheit aus. Blitzschnell verschwinden alle Gegenstände wieder in diesem Stoffbeutel und ein nächster suchender Handgriff bringt ein eingerolltes Paar Sneakersocken ans Tageslicht. Mit geübtem Schwung entledigt die junge Frau ihrer gestrickten Schlafsocken und zieht sich die Sneakersocken an. Nicht ohne jedoch vorher noch einmal die Packung mit den feuchten Tüchern aus dem Stoffbeutel genommen zu haben und mit zwei Tüchlein ausgiebig den Zwischenraum zwischen ihren Zehen gereinigt zu haben. Auch die lila lackierten Fußnägel werden, so scheint es mir, mit ein paar polierenden Wischbewegungen bedacht. Während sie sich wieder aufrichtet bemerke ich, wie ihr Näschen auf der Höhe ihrer Schulterachseln ein paar man kurz schnuppernd zuckt. Aus dem unerschöpflichen Vorrat ihres Zauberbeutels holt sie rasch eine Dose Deospray hervor. Ihre Hand mit der Dose fährt unter ihren Pullover und richtet ein paar gezielte Sprühstöße in die Achselhöhlen. Die Deodose wird nun flugs ausgetauscht gegen eine Flasche mit Eau de Toilette, aus der sorgfältig etwas auf die Ohrläppchen, die Handgelenke, die Haare und auf den Pullover gesprüht wird.

Ein leichter, angenehmer Frühlingsduft durchzieht nun den Bus, während die Hände der jungen Frau aus der Tiefe des Beutels ein Flasche Mineralwasser, einen Becher und eine Dose Merz Dragees zum Vorschein bringen. Sie legt mit einer graziösen Handbewegung zwei Dragees auf ihre Zunge, schluckt und labt sich anschließend an einem Becher des Mineralwassers. Danach zaubert die Frau eine kleine metallene Thermosflasche aus ihrem Beutel, gießt in den Metalldecke eine offensichtlich noch heiße Portion dampfenden Kaffees, dessen verlockender Geruch meine Nase kitzelt und findet mit ein paar kurzen Handbewegungen auch noch eine Bäckereitüte mit zwei Brötchen in dem Stoff-Turn-Zauber-Reisebeutel. Während sie sich bedächtig ihrem Frühstück widmet, habe ich Gelegenheit intensiv über die physikalische Unmöglichkeit, all diese Dinge in einem solchen Beutel unterzubringen, nachzudenken. Es will mir nicht gelingen, diesem Geheimnis auf die Spur zu kommen. Ich selbst besitze einen ähnlichen Beutel, der aber mit einer Halbliterflasche Wasser, drei Büchern, einer Notizkladde, ein paar Stiften und einem kleinen Block „Post it“ Notizzetteln vollständig gefüllt ist. Ich werde später noch einmal versuchen müssen, zu ergründen, warum es offensichtlich unterschiedliche weibliche und männliche physikalische Gesetze gibt.

Indes hat die junge Frau ihre Brötchen und zwei Becher Kaffee zu sich genommen und ist schon wieder in dem geheimnisvollen Beutel auf der Suche nach weiteren Utensilien. Ein Smartphone und ein paar Kopfhörer landen auf ihrem Schoß und dann folgt eine weitere Überraschung. Ein Beutel (keine Schale!) mit großen, leuchtend roten Erdbeeren und ein kleiner Reise-Zuckerstreuer. Ich bin sicher, in der realen Welt, außerhalb dieses Busses, währen diese Erdbeeren (geschätzte 200 Gramm) jetzt zerdrückt und zermatscht, nicht jedoch hier in dieser eigenartigen kleinen Welt dieser jungen Dame. Während ich staunend beobachte, wie eine reife, rote Erdbeere der Größe XXL nach der anderen, leicht mit Zucker bestreut ihren Weg in den Mund der Frau finden, erinnere ich mich an meine Kindheit in der ich mit Faszination die Geschichte von Mary Poppins und ihrer geheimnisvollen Reisetasche gelesen habe, in der Kleidung, Schirm, Teppich und allerlei andere nützliche Gegenstände ihren Platz hatten.
Zwischenzeitlich sind die Erdbeeren vertilgt und aus dem unerschöpflichen Fundus des Stoffbeutels kommen wieder der Spiegel und ein Lippenstift zum Vorschein. Nachdem auch die Lippen ihren stilvollen sanften Rotschimmer bekommen haben, schließt die junge Frau ihren Stoffbeutel und legt ihn mit einem leichten, aber hörbaren Seufzer wieder an seinen Platz vor ihren Füßen. Lächelnd dreht sie sich um und mustert ihre Umgebung. Um den Mund einen energischen Zug der aufzeigt, dass sie nun bereit ist, aus ihrer Welt herauszutreten und sich der Wirklichkeit in einem Nachtbus zu widmen.
Neben mir ist auch der Riese erwacht und hat seine Verwandlungskappe wieder sorgfältig glatzenkaschierend auf den Kopf gesetzt. Das Lächeln und die Dynamik sind wieder da.
In der unteren Etage des Doppeldeckerbusses werden von einer Gruppe junge Männer mit einem Zischen die ersten Bierdosen geöffnet. Halblaute Scherze werden hin und her geworfen und während ich mich bemühe, im Sitzen meine Jacke schon einmal anzuziehen ertönt aus dem Lautsprecher die freundliche Stimme des Busfahrer. „Guten Morgen liebe Fahrgäste! In wenigen Minuten erreichen wir den Busbahnhof Hannover. Ich hoffe, sie hatten eine angenehme Fahrt.“

Foto:  Verena Brandt / MeinFernbus.de

Stürmisch

703672_original_R_K_B_by_Dietrich Schneider_pixelio.de.roter Schirm Als er aus seinem Wagen stieg, hätte der Wind ihm fast die Tür aus der Hand gerissen. „Donner-wetter!“ schimpfte er leise. Er versuchte sich zu erinnern, wann in der Innenstadt zum letzten Mal ein solcher Sturm zu spüren war.

‚Das muss Jahre her sein,‘ dachte er, ‚aber wenn das eine Folge der Klimaveränderung sein sollte, dann werden wir uns wohl daran gewöhnen müssen.‘ Er hastete über den Gehsteig bis dicht an die Hauswände, um so wenigstens dem Wind und den peitschenden Regentropfen nicht vollkommen schutzlos ausgesetzt zu sein, während er zielstrebig an Hauseingängen und Schaufenstern vorbei ging, um das nicht weit entfernte Bürohaus seiner Firma zu erreichen. Ein kratzendes Geräusch hinter ihm ließ ihn herumfahren. Ein halb umgeklappter Regenschirm segelte rasch an ihm vorbei. Dem Schirm dicht auf den Fersen, aber immer doch einen Schritt zu weit entfernt um ihn zu greifen, rannte eine junge Frau. Bekleidet mit Jeans und einer bunten Regenjacke unterschied sie sich kaum von anderen Passanten an diesem Morgen, nur ihr zu einem lustigen Wuschel hochgestecktes braunes Haar erweckte seine Aufmerksamkeit.

Ganz automatisch, ohne auch nur eine Sekunde darüber nachzudenken, folgte er der jungen Frau um sich helfend auf die Jagd nach dem Schirm zu machen. Der hellrote Schirm schien sich immer rascher zu entfernen, um einen Moment später regungslos zu verharren, so als warte er auf seine Verfolger. Beim Schirm angelangt wollte er schon triumphierend danach greifen, als der Schirm sich mit einem Hüpfer wieder in Bewegung setzte. Mit rasantem Tempo entfernte sich der Schirm, dabei wie zum Spott für seine Jäger auf und ab tänzelnd, Pirouetten drehend und ab und zu leise an ein Schaufenster klopfend.

Die junge Frau hatte mittlerweile aufgeholt und rannte nun lachend dicht neben ihm. „Sauwetter!“ rief sie ihm schwer atmend zu und breitete dabei ihre Arme aus, so als wolle sie sagen, da kann man nichts machen, so ist der April nun mal. Plötzlich verlor der Schirm an Fahrt und kam dicht vor einem Schaufenster ganz zum Stehen. Unwillkürlich beschleunigte der Mann seine Schritte und am Schirm angekommen griff er danach, um ihn stolz in die Höhe zu heben, wie ein erfolgreicher Jäger die lang gehetzte Beute. Die junge Frau blieb atemlos neben ihm stehen und blickte ein wenig spöttisch lächelnd in sein Gesicht. Dann griff sie nach dem Schirm, drückte ihm einen Kuss auf die Wange um ihm, schon im Gehen begriffen, noch ein fröhliches „Danke, mein Held!“ zuzurufen. Für einen Moment blieb er verdutzt stehen, um sich dann ebenfalls umzudrehen und den Rückweg zu seinem Büro anzutreten. Erst jetzt begann er zu spüren, dass aus seinen Haaren Wassertropfen die Stirn hinab liefen, sein Mantel durchnässt und auch seine Schuhe von durchquerten Pfützen reichlich aufgeweicht waren.

Für einen Moment blieb er stehen, um an sich hinabzusehen. „So richtig bürofähig bin ich wohl nicht mehr.“, murmelte er und ein Lächeln durchzog sein wassertriefendes Gesicht. Mit einem Schulterzucken setzte er sich wieder in Bewegung, während er sein Gesicht kurz nach oben wandte und damit noch einmal kräftig dem immer noch strömenden Regen aussetzte. ‚Eigentlich sind stürmische Apriltage ganz spannend!‘ dachte er und fuhr leicht mit der Hand über seine Wange, auf der er glaubte, immer noch ihren Kuss spüren zu können.

Niemand kann aus seiner Haut

Kondome Tomizak pixelio.de „Mögen Sie Sushi?“ fragte er mit einem Lächeln und versuchte ihren Blick einzufangen. Ihre Augen wanderten verlegen zur Seite, während sie in bemüht lustigem Ton antwortete „Wie soll ich das wissen? Ich hab so etwas noch nie gemacht, ich bin nämlich nicht besonders sportlich.“ Unwillkürlich schlich sich ein Grinsen in sein Gesicht und er dachte, Humor hat sie jedenfalls, diese sympathische schüchterne Frau, der er nun schon so oft auf dem Flur oder in der Cafeteria begegnet war.

„Sie sollten das unbedingt mal probieren!“ war seine Antwort darauf, „Alles was Sie dazu brauchen, ist ein leerer Magen.“ Sie kicherte leise und sagte fröhlich: „Ich glaube, das kriege ich hin, aber wo findet so etwas denn statt?“ Gewonnen, dachte er und setzte sein strahlendstes Lächeln auf, als er leichthin entgegnete: „Zum Beispiel bei meinem Lieblingsjapaner, mit mir zusammen, heute Abend.“ Leicht errötend sagte sie leise: „Ich schätze mal, das darf ich mir wohl nicht entgehen lassen?“ „Auf gar keinen Fall!“ unterbrach er sie schnell, „Also abgemacht, ich hole Sie um 19 Uhr heute Abend ab.“ Um ihr gar keine Möglichkeit mehr für einen Protest zu lassen, verließ er fröhlich winkend mit schnellen Schritten die Cafeteria.

Die Nachmittagsstunden im Büro schienen sich endlos hinzuziehen und der ersehnte Feierabend wollte einfach nicht näher kommen. Aber irgendwann dann, nach gefühlten endlosen Stunden, war es doch soweit. Beschwingt verließ er sein Büro und hastete zur Bushaltestelle, in Gedanken schon dabei, sich noch einmal zu rasieren und sorgfältig für den Abend umzuziehen. Gott sei Dank, schoss es ihm durch den Kopf, habe ich am Wochenende den Wagen waschen und innen reinigen lassen, sonst hätte ich wohl ein Taxi nehmen müssen. Er grinste bei dem Gedanken an die leeren Bierdosen, Zigarettenschachteln und Pizzakartons, die bis zum Wochenende noch den Boden und die Sitze seines Autos übersät hatten. Ich muss unbedingt noch Kondome besorgen, schoss ihm durch den Kopf und bei dem Gedanken musste er schon wieder grinsen.

Während sie vor dem Badezimmerspiegel ihr Make Up erneuerte, hörte sie die Stimme ihrer besten Freundin aus dem Telefon auf dem Badewannenrand: „Du bist mit ihm verabredet? Heute Abend? Wie hast du ihn denn dazu gekriegt?“ Verschmitzt lachend antwortete sie: „ Es war genau anders herum, er hat mich geradezu überrumpelt mit dieser Einladung. Und stell dir vor, er hat mich nicht einmal nach meiner Adresse gefragt, die wusste er offensichtlich. Er hat sich wohl schon länger für mich interessiert, während ich mich immer wieder gefragt habe, wie ich diesen Mann wohl auf mich aufmerksam machen könnte.“

Fünf Minuten vor sieben klingelte es an der Tür. Sie schaute auf ihre Uhr und dachte mit einer gewissen Zufriedenheit, pünktlich ist er jedenfalls, das ist schon mal gut. „Ich komme sofort runter!“ rief sie in den Hörer der Sprechanlage und warf rasch ihren Mantel über den Arm. Also doch erst Sushi, dachte er ein wenig enttäuscht, sonst hätte sie mich ja rauf gebeten. Aber egal, vernascht wirst du auf jeden Fall, Mäuschen. Er lehnte sich betont lässig an die Seitentür seines Wagens, gespannt zu sehen, wie sie sich wohl nach Feierabend präsentieren würde. Ihr Anblick, als sie dann aus der Haustür trat, entlockte ihm einen bewundernden leisen Pfiff. Er machte zwei rasche Schritte auf sie zu und nahm ihre ausgestreckte Hand in die seine. „Schön, dass du unsere Verabredung nicht vergessen hast!“ begrüßte er sie augenzwinkernd, „Du siehst ganz bezaubernd aus, in diesem wunderschönen Kleid. Ich heiße übrigens Stefan.“ Lachend antwortete sie „Hallo Stefan, ich bin Monika, aber das weißt du ja sicher auch schon längst. Das Kompliment kann ich zurückgeben, du siehst beeindruckend aus mit deinem Sonntagsanzug.“ Oha, schlagfertig kann sie also auch sein, dachte er und nickte anerkennend. „Der hat nur auf eine Verabredung mit dir gewartet, dieser Anzug. Ich hoffe, du hast an den leeren Magen gedacht“, entgegnete er, während er schwungvoll die Beifahrertür für sie öffnete.

Als sie vier Stunden später wieder vor ihrer Haustür anhielten, schaltete er den Motor aus und blieb eine Weile schweigend und nachdenklich sitzen. Auch ihr war in diesem Moment nicht nach reden zumute. So viel war gesagt worden in diesen vier Stunden. Sie hatten recht schnell den anfänglichen Austausch höflicher Floskeln und kleiner Scherze hinter sich gelassen. Er war immer noch erstaunt darüber, wie offen und ehrlich sie Gedanken und Empfindungen ausgetauscht hatten. Wie von selbst hatte er begonnen ihr, einer eigentlich doch vollkommen Fremden, über sein abwechslungsreiches, vor allem von den verschiedensten Vergnügungen geprägtes Leben zu erzählen. Ihr aufmerksames, ganz ihm zugewandtes Zuhören, ihre ernsthaften Nachfragen und die klugen Ergänzungen, die sie aus der Erfahrung in ihrem eigenen Leben einfügte, hatten ihn schließlich ganz ungewollt dazu gebracht, ihr offen einzugestehen, dass viele seiner wechselnden Unternehmungen eigentlich nur dazu dienten, dem Gefühl einer inneren Leere zu entrinnen.

Nun saßen sie schweigend im Auto beieinander und er war seltsam berührt von dem Gefühl der Vertrautheit, das er zu empfinden begann. Die Kondome in seiner Jackentasche fielen ihm ein und ließen für einen Moment eine gewisse Scham in ihm aufsteigen. Niemand kann aus seiner Haut dachte er, aber manchmal kann dir ein anderer Mensch so tief unter deine Haut gehen, dass vordergründiges Begehren und heimliche Pläne keine Rolle mehr spielen, einfach keinen Platz mehr in deinen Gedanken haben.

Mit leisem Seufzen stieg er aus dem Auto ging rasch zur Beifahrertür und öffnete sie. Mit einem eher scheuen Lächeln nahm er ihre Hand, um ihr aus dem Wagen zu helfen und während sie beide langsam auf den Hauseingang zugingen, sagte er leise: „Was für ein besonderer Abend, lass es bitte nicht den einzigen und letzten gewesen sein.“ Vor der Tür nahm er ihre Hand fest in seine beiden Hände, sah ihr offen ins Gesicht und suchte verlegen nach den richtigen Abschiedsworten. Lächelnd befreite sie ihre Hand aus den seinen, legte ihm beide Hände auf die Schultern, zog ihn ein wenig zu sich heran und küsste sanft seinen Mund. Dann näherte sie ihre Lippen seinem Ohr und flüsterte leise: „Kommst du noch mit rauf?“

 

Foto: Tomziak / pixelio.de

Liebe ist nicht wie du

707694_original_R_by_birgitH_pixelio.de.Ende einer Liebe Halbwegs wach und noch sehr verschlafen lag er auf seinem Bett und starrte an die Decke über sich, aber dieser Anblick besserte seine Stimmung keineswegs. Viele Male hatte er sich nun schon über diesen viereckigen hellen Fleck über dem Bett geärgert, an dem früher einmal ein großer Spiegel seinen Platz hatte. Sie hatte diesen Spiegel gewollt. Es errege sie, sich selbst beim Liebesspiel zuzusehen, hatte sie gesagt und er war gern auf ihren Wunsch eingegangen. Vor sechs Wochen war sie gegangen und den Spiegel hatte sie mitgenommen.

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Mit einem hörbaren Seufzer reckte er den Arm hinüber zum Nachtschränkchen und schaltete das Radio ein. Die Nachrichten waren gerade vorbei und für die nächste Stunde war überwiegend Musik zu erwarten. Musikhören, auf dem Bett liegen und sich in eine Zeit zurückträumen, in der alles noch richtig zu sein schien, das war in der letzten Zeit zu seiner Lieblingsbeschäftigung geworden.
„Jetzt erwartet sie ein besonderer Leckerbissen!“ hörte er den Moderator schwärmen, „Die brandneue zweite Singelauskopplung der letzten CD von Radio Doria: Liebe ist nicht wie du!“ er streckte noch einmal seinen Arm hinüber zum Radio, um es etwas lauter zu drehen.

All die blauen Nächte
Ich will nochmal vor Glück leiden
So ein Abenteuer haben
Das mir für immer bleibt
Hast mich angezogen
Und manchmal zogen wir uns aus
Z
ogen aus und unseren Bogen
S
chossen aus dem Leben raus…

Er begann mit dem Fuß wippend den Takt der Melodie aufzunehmen. Gar nicht so schlecht, so ganz allein aufzuwachen, dachte er. Keine Rücksicht nehmen zu müssen, kein bemühtes Leisesein, einfach nur den eigenen Wünschen folgen.. Aber im selben Moment wusste er, dass er dabei war, sich selbst zu belügen. Was bedeutet schon die Freiheit, nach dem Aufwachen laut Musik zu hören oder beim Frühstück die Zeitung zu lesen, verglichen mit dem Gefühl, noch im Halbschlaf einen warmen Körper neben sich zu spüren?

Ein wenig missgestimmt, schwang er seine Beine aus dem Bett und richtete sich auf. „Ich sollte mich mal wieder rasieren.“, murmelte er, während er mit der Hand über sein Kinn strich. Er stand auf und begann eine Zeile aus dem Song mitzusingen: „Ich will nochmal vor Glück leiden, so ein Abenteuer haben…“ Während er zur Küche ging, um die Kaffeemaschine einzuschalten, schüttelte er unwillkürlich mit dem Kopf. Vor Glück leiden? Welch ein Unsinn, dachte er, Glück und Leid haben nichts gemeinsam. Verliebtsein bringt die Sehnsucht mit und die ist so ein bittersüßer Schmerz, aber Glück? Glück tut nicht weh! Wenn ich glücklich bin, leide ich nicht und wenn ich leide, bin ich nicht glücklich. Während er Kaffeepulver in die Maschine füllte, hörte er aus dem Nebenzimmer weiter den Song:

Liebe ist nicht wie du
Ich hab euch nur verwechselt
Das passiert ab und zu
Liebe ist nicht wie du
Das passiert, wenn man sie festhält
Das passiert, wenn man sie sucht
Dann versteckt sie sich gut
Liebe ist nicht wie du
Ich hab euch nur verwechselt…

Während die Kaffeemaschine das vertraute gurgelnde Geräusch von sich gab, schoss ihm durch den Kopf, so ist es richtig. Wenn man die gegenseitige Befriedigung des Bedürfnisses, nicht mehr allein und einsam zu sein, mit Liebe verwechselt, dann leidet man. Dann macht man sich vor, glücklich zu sein und in Wahrheit bringt eine solche Beziehung nur Leiden. Er sang die Zeile lauthals mit: „Liebe ist nicht wie du, ich hab euch nur verwechselt…“

Während er Sahne und Zucker in seinen Kaffee rührte, besserte sich seine Stimmung merklich. Ich sollte wieder leben, dachte er, nicht trauern, mich nicht länger vergraben. Verwechslungen kommen vor im Leben, kein Grund ewig zu trauern.

 

Foto: birgit H. / pixelio.de