551928_original_R_K_B_by_Petra Bork_pixelio.de

Wenn Schulz darüber nachdachte, erschien es ihm eigentlich gar nicht so schlecht, jetzt in der Psychiatrie zu sein. Immerhin – er wurde hier gut versorgt. Die lästigen Dinge des Alltags wurden ihm abgenommen und für alles Unerfreuliche und Ärgerliche, war er hier unerreichbar.

Leise kicherte er in sich hinein. Etwas, das ihm andernorts verwunderte Blicke eingebracht hätte. Hier war es erlaubt und wurde akzeptiert.

Schulz richtete seinen Blick nach innen. Etwas, das bei ihm schon immer mit einer intensiven Drehung seiner Augäpfel nach oben verbunden war. So waren Iris und Pupille kaum noch sichtbar und das dominierende Weiß seiner Augäpfel ließ sein Gesicht unwirklich erscheinen. Dieser Anschein der Unwirklichkeit schien dann seinen gesamten Körper zu umgeben. So, als sei er plötzlich irgendwie gasgefüllt und kurz davor abzuheben und davonzuschweben. In solchen Momenten gelang Schulz etwas, was den Physikern gleichermaßen wie den Philosophen dieser Welt bisher verwehrt geblieben ist. Er tauchte in das Nichts ein. Etwas, das nicht zu beschreiben oder zu definieren war, das weder vermessen, noch berechnet werden konnte.

Schulz hätte es auch nicht zu beschreiben vermocht. Er war sich dessen nicht einmal bewusst, aber es gelang ihm scheinbar mühelos in dieses geheimnisvolle Nichts zu wechseln. Dort gab es kein Innen, kein Außen und nicht einmal Schulz selbst existierte dort noch. Das Nichts enthielt absolut nichts.

Schulz öffnete die Augen. Plötzlich war alles wieder da. Der kleine qualmgefüllte Raucherraum, das halbe Dutzend Patienten um ihn herum und auch er selbst. Alles wurde wieder wirklich und greifbar. Schulz liebte diese Momente, waren es doch die wenigen Augenblicke, in denen er seine eigene Existenz und seine Umgebung ganz deutlich wahrnehmen konnte. Wie neu, frisch und sauber, nicht von Gefühlen oder Gedanken verschmutzt und belastet. Diese kleinen Wiedergeburten, sozusagen die Neuerschaffungen der Wirklichkeit, reihten sich wie glänzende Perlen an einer edlen Schnur auf. Für Schulz war es seine Lebenskette, ein kostbares einzigartiges Kunstwerk.

Die Zigarette in seiner Hand war mittlerweile fast verqualmt und ein langer Aschewurm auf das Tischchen neben den Aschenbecher gefallen, was ihm ärgerliche Blicke der Anderen einbrachte, aber das war Schulz egal.

Was soll’s?“ dachte er, „Ich bin ein Idiot und deshalb darf ich das.“

Schulz warf einen Blick auf seine Armbanduhr. Die Gesprächsgruppe würde gleich beginnen. Hastig verließ er das kleine verqualmte Zimmer und machte sich auf den Weg zum Gruppenraum. „Nehme ich den Aufzug oder die Treppe?“ überlegte er, während er mit schnellen Schritten den langen Flur entlang lief. Er kam zu dem Schluss, dass in beiden Fällen das Ergebnis gleich sein würde. Unschlüssig stand er schließlich am Treppenaufgang und sein Blick wechselte von der Treppe zur Aufzugtür und wieder zurück zur Treppe.

In ihm stieg eine undeutliche, aber doch wahrnehmbare Erinnerung an das letzte Gruppengespräch auf. „Wie geht es dir heute?“ war er gefragt worden.

„Was für eine blöde Frage, wie soll ich das wissen? Da musst du meinen Arzt fragen.“ hatte er geantwortet und damit allgemeines Gelächter hervorgerufen. Gleichermaßen verwundert und erfreut, hatte Schulz in das Gelächter eingestimmt. Er war sich durchaus darüber im Klaren, dass ja auch die anderen Patienten ärztlich genehmigte Idioten waren und man also mit allem rechnen musste. Nach seinem ureigenen, tiefen Empfinden, war zusammen lachen ohnehin fast so schön, wie zusammen weinen.

Er setzte sich auf die Treppe, um gleich mal ein wenig zu weinen. Seine Erfahrung hatte ihn gelehrt, dass man durchaus auch allein lachen oder weinen konnte, man brauchte dazu weder einen Anlass, noch unbedingt Gesellschaft. Es tat trotzdem gut.

Urplötzlich hatte Schulz eine Idee. Er würde sich einfach ein Wannenbad gönnen. Dazu war weder die Entscheidung zwischen Treppe und Aufzug nötig, noch würde ihn jemand fragen, ob es ihm gut ginge. Der Rückweg durch die Station war problemlos. Keine Schwester, kein Pfleger, kein Therapeut und kein Arzt hatte ihn bemerkt. Wenn doch, dann wussten sie jedenfalls nicht, wo er in diesem Augenblick hätte sein sollen.

Wie jedesmal bei der Benutzung des großen Badezimmers auf der Station, blieb er stehen, um das Schild an der Tür sorgfältig zu studieren. Dort stand, man solle während eines Wannenbades den Wäschewagen vor die Tür stellen. Schulz empfand diese Anweisung als geheimnisvoll undurchschaubar. Letztlich endeten seine Überlegungen immer mit dem Entschluss, dass Badezimmer zu betreten, die Tür abzuschließen, den Wäschewagen vor die Tür zu schieben und sie auf diese Weise sorgfältig zu verbarrikadieren. Den Sinn dieser Anordnung, den Eingang zum Bad mit dem Wäschewagen zu versperren, würde er wohl nie ergründen, aber in der Psychiatrie herrschten andere Regeln, das hatte schon verstanden und irgendwie auch einsehen können.

Voller Vorfreude ließ Schulz das Badewasser ein. Im Badezimmer verteilt standen einige Flaschen Duschgel und Badezusätze, die Schulz einsammelte und großzügig mit seinem Badewasser mischte. Fasziniert beobachtete er, wie die verschiedenfarbigen Flüssigkeiten sich mit dem Wasser vermischten, das schließlich eine schmutzig violette Färbung annahm.

Wie Omas Morgenmantel!“ rief Schulz lachend und ließ sich fröhlich in die Wanne gleiten. Das Wasser war von einer dicken Schicht Badeschaum bedeckt und Schulz stellte sich immer vor, dieser Schaum sei eine wunderschöne nackte Frau, die sanft und zärtlich über seinen Körper glitt. Schulz beschloss, dies Erlebnis in seine Liste der schönsten Gefühle aufzunehmen, gleich hinter Weinen und Lachen.

Langsam ließ er sich tiefer in die Badewanne gleiten, bis sein Kopf ganz unter Wasser war. Er wartete ein wenig und ließ dann Luft in kleinen Stößen aus seinem Mund nach oben steigen. Es bildeten sich kleine Luftblasen, die rasch aufstiegen und an der Wasseroberfläche platzten.

Denken, nannte Schulz das. Genau so spielte sich das in seiner Vorstellung im Kopf ab. Kleine Blasen stiegen von irgendwo tief unten auf, dehnten sich aus und zerplatzten. Nach ein paar Minuten war er das Denkspiel leid geworden. Er richtete sich auf und sah auf die immer noch das Wasser bedeckende Schaumschicht.

Langsam hob er einen Fuß an, so dass der große Zeh sich ein Stückchen aus dem Schaumteppich hob und sang lächelnd ein Lied aus Kindertagen:

Siehst du den Mond dort stehen, er ist nur halb zu sehen und ist doch rund und schön. So sind gar manche Sachen, die wir getrost verlachen, weil uns’re Augen sie nicht seh’n.“

Mit einem Ruck hob er seinen Fuß aus dem Wasser und kreischte: „Aaahhh ein Monster!“ Der zweite Fuß folgte und er rief halb lachend und mit ein wenig Panik in der Stimme: „Oh oh, noch eines! Hinweg mit euch!“

Platschend ließ er beide Füße wieder ins Wasser fallen und hielt sich vor Lachen den Bauch. Er griff nach einer Shampooflasche und begann eine reichliche Portion davon in sein Haar zu massieren. Während er leise vor sich hin summte, versuchte er sich zu erinnern, was für den Rest des Tages noch anstand.

Der Müll!“ rief er und richtete sich ruckartig auf. Diesen verdammten Müll hätte er fast vergessen.

Seit er im Raucherraum das Schild mit der Aufschrift „Müll wegwerfen verboten!“ entdeckt hatte, hortete er die Abfälle in seinem Schrank. Dieser begann allerdings langsam überzuquellen. Er hatte ein paar andere Patienten darauf angesprochen, die hatten allerdings lachend behauptet, damit sei nur gemeint, keinen Müll in den Ascheneimer im Raucherraum zu werfen. Er glaubte ihnen das nicht. Schließlich, davon war Schulz überzeugt, war das Pflegeteam auf der Station ganz sicher in der Lage, Anweisungen klar und unmissverständlich zu formulieren. Vor ein paar Tagen hatte er sich deshalb dazu entschlossen, seinen Müll kurzerhand aufzuessen.

Rasch beendete Schulz seine Haarwäsche, stand auf und begann sich abzuduschen. Es machte einen Heidenspaß, mit der Handbrause von der Badewanne ab und zu mal in den Raum zu spritzen. Das Fenster konnte er mit dem Strahl mühelos erreichen und selbst die Tür ließ sich, im Falle eines Brandes, damit problemlos löschen.

Dann stieg Schulz aus der Wanne und während er sich mit dem großen Badehandtuch abrubbelte, nahm sein Plan für den Nachmittag Gestalt an.

Als Erstes würde er einen kurzen Abstecher zum Supermarkt gegenüber der Klinik machen, um reichlich Senf und Ketchup einzukaufen. Vielleicht noch ein Baguette, als Beilage. Dann würde er seinen Müll im Backofen des Aufenthalts- und Speiseraumes ordentlich schmoren lassen. Danach wollte er in seinem Zimmer alles ganz in Ruhe verzehren.

Voller Tatendrang verließ er das Badezimmer und lief fröhlich pfeifend zu seinem Zimmer. Während er aus seinem Schrank den Geldbeutel und eine Einkaufstüte hervorkramte, breitete sich in ihm ein Gefühl tiefer Zufriedenheit aus. Er würde heute sein Müllproblem beseitigen und falls er sich beeilte, könnte er sicher danach noch mit Hannelore und Jens im Aufenthaltsraum Mensch ärger dich nicht spielen.

Er setzte sich auf seine Bettkante, um ein wenig zu weinen. Diesmal allerdings vor Glück. „Ein schöner Tag.“ dachte er, „Hier sollte ich eine Weile bleiben.

Foto: Petra Bork / pixelio.de

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