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Ich traf ihn an der Erfrischungstheke im Foyer des Theaters. Die Pause hatte gerade begonnen und die Zufuhr kühler Flüssigkeit schien mir der geeignete Pausenfüller zu sein. Während ich meine große Apfelschorle bezahlte, nahm er neben mir sein kaltes Bier in Empfang, setzte das Glas an den Mund und trank es in einem Zug leer. Er setzte das Glas auf die Theke, rief laut: „Noch eins, bitte!“ und suchte in seiner Hosentasche nach einem weiteren Geldschein. Ein Teil des Wechselgeldes, das er zuvor achtlos in die Tasche geschoben hatte, fiel dabei zu Boden.

„Fuck!“ rief er laut und beugte sich hinunter, um die Geldstücke wieder einzusammeln. Hilfsbereit bückte ich mich, um ihm beim Einsammeln des Kleingeldes zu helfen, was ihn dazu veranlasste, sich wieder aufzurichten und sein frisch gefülltes Bierglas an die Lippen zu setzen. Dabei sah er zu mir herunter und murmelte: „Wenn du alles gefunden hast, stecks ein.“

Ich richtete mich auf, sah ihn ein wenig irritiert an und stecke dann die Münzen in meine Tasche. „Danke,“ sagte ich grinsend, „wenn du mal wieder Geld loswerden willst, steh ich gern zur Verfügung.“

Zum ersten Mal wandte er sich ganz zu mir, um mich eingehend zu mustern. „Wohl ‚nen Clown gefrühstückt?“ fragte er mit ernstem Blick, um mir dann lachend auf die Schulter zu klopfen. „Du bist richtig! Immer alles mit Humor nehmen, was das Scheißleben anbietet.“

Mittlerweile war die Pause vorüber. Links und rechts von uns begannen die Besucher eilig wieder in den Saal zu strömen, um rechtzeitig ihre Plätze einzunehmen. Ich hob die Hand zu einem kurzen Gruß und wollte mich ebenfalls auf den Weg zu meinem Platz machen. Nach ein paar Schritten sah ich mich noch einmal um und bemerkte, dass mein seltsamer Trinknachbar an der Theke stehengeblieben war. Ein wenig zusammengesackt machte er den Eindruck eines einsamen, ein wenig verlorenen Menschen. Zögernd verlangsamte ich meine Schritte. Im Grunde war diese Theatervorstellung recht langweilig und so überlegte ich, ob es nicht viel interessanter sein könne, diesem seltsamen Mann ein wenig Gesellschaft zu leisten. Nach ein paar Schritten zurück, nahm ich meinen Platz neben ihm an der Theke wieder ein.

Er neigte seinen Kopf zur Seite, um mich mit einem kurzen, etwas schrägen Blick zu bedenken. Dann blickte er wieder in sein mittlerweile geleertes Bierglas und murmelte: „Ist dir also auch aufgefallen, dass diese Inszenierung nicht sehr prickelnd ist? Mittelmaß! Heute ist alles nur noch Mittelmaß. Selbst das Leben ist eine sehr mittelmäßige Veranstaltung, zumindest im Durchschnitt.“

Ich gab der Bedienung hinter der Theke ein Zeichen, um ebenfalls ein Bier zu bekommen. „Wir schließen die Erfrischungstheke jetzt!“ rief sie mit einem Ausdruck des Bedauerns im professionell gleichmäßig freundlichen Gesicht. Das weckte meinen Trinknachbarn aus seiner trübsinnigen Nachdenklichkeit. Er hob den Kopf, ließ seinen Blick über die Regale hinter der Theke gleiten und sagte dann mit Bestimmtheit: „Dann geben Sie uns doch bitte eine Flasche von dem Bourbon, zwei Gläser und einen Kübel Eis. Wir stellen uns dort drüben an einen Stehtisch.“ Während dessen hatte er aus der Innentasche seines Jacketts eine Brieftasche gezückt, öffnete sie und zog eine Kreditkarte heraus, um sie vor der verdutzten Bedienung auf den Tresen zu knallen.

Nach einer kurzen Rücksprache mit einem wichtig dreinschauenden Mann, offenbar dem Geschäftsführer, nickte die Dame uns lächelnd zu. Wir zogen derweil an den nächstgelegenen Stehtisch um und kurz darauf standen auch schon die Flasche, nebst Gläsern, einem Kübel Eiswürfel und einer Schale Erdnüsse vor uns auf dem Tisch.

Mein Trinknachbar schenkte in beide Gläser reichlich ein und hob das eine dann feierlich in die Höhe. „Ich heiße Cornelius! Lassen wir‘s gemächlich angehen oder auf die harte Tour?“
„Gert!“ antwortete ich, nahm mein Glas und füllte ein paar zusätzliche Eiswürfel ein. „Mein Tempo ist heute eher gemächlich. Prost Cornelius.“

Der nahm einen kleinen Schluck aus seinem Glas und ließ den Whiskey genüsslich über die Zunge rollen. Er setzte sein Glas ab, fischte ein paar Nüsse aus der Schale und fragte, während er gleichzeitig mit Hingabe die Nüsse zermalmte: „Schätze, du bist ebenfalls geschieden, sonst wärst du wohl nicht allein hier?“

Nun bin ich nicht geneigt, mir völlig fremden Menschen gleich in den ersten Minuten unserer Bekanntschaft Details aus meinem Privatleben anzuvertrauen und entgegnete deshalb vorsichtig: „Wie mans nimmt.“ Cornelius grinste breit. „Tja, das ist wohl die richtige Umschreibung für Partnerschaft und Ehe, man ist gerade geschieden oder bald oder mehrmals. Goldene Hochzeiten, das war früher. Heute pendelt man zwischen Freiheit und Handschellen. Man kann nicht ohne, aber auf Dauer auch nicht mit.“

„Na, na, es gibt aber auch schöne Momente, voller Harmonie und Liebe.“ entgegnete ich ein wenig lahm.

„Das klingt aber nicht sehr überzeugend?“

„Nun ja, Partnerschaften sind genau wie das Leben allgemein. Es gibt Aufs und Abs, Höhen und Tiefen, Zeiten voller gemeinsamer Freuden und eben auch Zeiten des gemeinsamen Ärgers.“

„Sag ich doch!“ rief mein Trinkgenosse! „Und wenn du das alles mal gegeneinander aufrechnest, ist die Liebe eine ziemlich mittelmäßige Veranstaltung. Das kennzeichnet doch unser ganzes Leben. Nimm nur den Beruf. Du brauchst lange Zeit und musst viel einstecken, um nach oben zu kommen, aber dort oben beginnt auch schon wieder der Abstieg. Aufs Abstellgleis, in die Bedeutungslosigkeit oder ganz krass in den Abgrund. Wenn es einer schafft, über längere Zeit oben zu bleiben, dann ist das mit Kampf und Krampf verbunden. Am Ende ist er zermürbt und geht selbst oder er wird schließlich doch gegangen.“

Nach einer längeren Pause, in der wir uns intensiv mit dem Whiskey beschäftigten, knüpfte ich an seinem letzten Satz wieder an: „Ich weiß nicht, ob man das verallgemeinern kann und ob es wirklich jedem so geht, aber für mich klingt das so, als habe es zumindest in deinem Leben eine Menge Höhen und Tiefen gegeben.“

„Das kannst du wohl sagen!“ rief Cornelius bitter. „Es gab von beidem reichlich und manchmal denke ich, ein einfaches, ruhiges kleines Leben, so ganz ohne Höhen, dafür aber auch ohne Abstürze, wäre weit besser gewesen.“

„Das hört sich so an, als sei dein Leben schon zu Ende.“ versuchte ich zu scherzen. „Im englischen Sprachraum sagt man ganz treffend, where there‘s life, there‘s hope. Wo Leben ist oder besser gesagt, wo noch Leben ist, da gibt es auch noch Hoffnung.“

Mein Whiskeyfreund richtete sich auf: „Das ist es ja! Die Hoffnung ist eine große Betrügerin, die größte, möchte ich meinen. Nach jedem Scheitern gaukelt sie dir vor, dass es sich lohne, noch einmal neu zu beginnen. Und dann gibt es auch noch diese schwachsinnigen Hoffnungspropheten, die dir verkünden, in jeder Niederlage läge auch eine große Chance für einen erfolgreichen Neubeginn. Alles Blödsinn!“

Nun war es an mir aufzubegehren: „Ja können wir denn ohne Hoffnung überhaupt leben?“ rief ich erregt. „Ist es im Grunde nicht die Hoffnung allein, die uns hilft alle Widrigkeiten wegzustecken, nach vorn zu schauen und so letzten Endes auch das Leben weiterzutragen?“

Einen Moment lang schwieg mein Whiskeyfreund. Ich knüpfte an sein Schweigen die Erwartung, er habe sich ein wenig beruhigt und sähe vielleicht ein, dass die Hoffnung im Leben des Menschen eine absolut unverzichtbare Kraft ist, ohne die es keine Entwicklung, keinen Fortschritt und keine Zukunft gäbe. Ich hatte mich gründlich geirrt!

„Bullshit!“ rief er einigermaßen erbost. „Das Leben weitertragen, was für eine hochtrabende Formulierung. Ist das menschliche Leben denn etwas, was unbedingt weitergetragen werden sollte?
Warum hast du dich entschieden, hier mit mir zu trinken, anstatt dir drinnen in Ruhe den zweiten Teil der Vorstellung anzuschauen? Ich kann dir sagen warum! Weil du festgestellt hast, dass es nicht lohnt, dir eine durch und durch mittelmäßige, enttäuschende Vorstellung komplett anzutun. Du hast die Alternative gewählt, die darin bestand, mit mir hier Whiskey zu trinken und dich mit mir zu unterhalten. Eine kluge Entscheidung, will ich meinen. Du wirst vielleicht sagen, das sei doch gar nicht vergleichbar, denn zum Leben gäbe es nun mal keine Alternative.“

Ich nickte zustimmend und wollte schon antworten, als er, jetzt wieder halbwegs beruhigt, weitersprach.

„Wer sagt dir das? Wie kommst du darauf, dass es zum Leben keine Alternative gäbe? Immerhin gibt es den Tod, als ultimative frei wählbare Alternative, die zudem den Vorteil hat, dass sie dich ohnehin früher oder später ereilt. Weder du noch ich wissen, wie es ist tot zu sein. Was lässt uns vermuten, dass es so viel schrecklicher wäre als zu leben? Ob deine nächste Beziehung, dein neuer Wohnort oder dein neuer Job besser oder nicht vielleicht noch viel schrecklicher sein werden als die Vorangegangenen, das weißt du ebensowenig.“

Seine letzten Sätze machten mich nun sehr nachdenklich. Innerlich musste ich ihm zustimmen. Es gibt im Leben für nichts eine Garantie.

Wir bemühten uns in der nächsten halben Stunde die Bourbonflasche zu leeren und während drinnen im Saal irgendwann der Schlussapplaus verhalten einsetzte, verabschiedeten wir uns mit einem freundschaftlichen Händedruck. Gedankenverloren machte ich mich auf den Weg zum Parkhaus. Schon am Eingang überlegte ich es mir dann anders. Nach dieser intensiven Bourbonverkostung, schien es mir dann doch angebrachter, die nächste Bushaltestelle anzusteuern.

Es war nasskalt und ungemütlich, aber im beheizten Bus würde ich doch wenigstens die Gelegenheit haben, noch ein wenig ungestört meinen Gedanken nachzuhängen. Konnte man das Leben so kompromisslos be- und verurteilen, wie mein Trinknachbar das zu tun schien? Wäre es nicht sogar logisch und sinnvoll, an einem bestimmten Punkt die Konsequenzen zu ziehen und einfach zu sagen, gut, das wars?

Seine Einstellung schien mir nicht ganz unlogisch zu sein, andererseits allerdings sehr theoretisch. Er lebte ja auch. Immer noch und immer weiter.
Wie auch immer, es war eine durchaus interessante Unterhaltung und allemal sinnvoller als dies Theaterstück bis zum Ende zu ertragen. Kurz bevor der Bus meine Haltestelle erreichte, erhob ich mich, um schon einmal zum Ausstieg zu gehen. Auf dem Weg durch die Sitzreihen fiel mein Blick auf ein Paar in mittlerem Alter. Er, ganz Gentlemen, hatte ihr seinen Mantel um die Schultern gelegt und sie ihren Kopf vertrauensvoll auf seinen Oberarm gelegt. Die Augen geschlossen und ein leichtes, feines Lächeln im Gesicht.

Ja, dachte ich, das Leben kann schön sein. Ich liebe das Leben. Trotz allem und selbst wenn es im Durchschnitt und unter dem Strich auch nur eine ziemlich mittelmäßige Veranstaltung gewesen sein wird.

 

Foto: Rainer Sturm  / pixelio.de

3 Kommentare zu „Das Leben ist eine ziemlich mittelmäßige Veranstaltung

  1. Gefällt mir sehr! Ja, übers Mittelmaß hinaus zu kommen ist gar nicht so einfach. Aber manchmal bin ich auch „über die Maßen glücklich und zufrieden“ und diese Momente haben das Leben zu dem, was es sein sollte – lebenswert! Mit Höhen und Tiefen, Ärger und Freude, Hoffnung und Verzweiflung …….Ich wünsche dir und deiner/n Liebsten eine ruhige, schöne Advents- und eine besinnliche Weihnachtszeit. LG, Sigrid

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